Florenz, im Juni

Der Maggio Musicale Florentino zählt es als repräsentativstes italienisches Musikfest zu seinen Aufgaben, nicht nur in der Gegenwartsmusik, sondern auch im Sette- und Ottocento Entdeckungen zu machen. In diesem Jahre begann es mit Cherubinis „Medea“, und das kosmopolitische Publikum, das am Arnostrand versammelt war, staunte über die hohe dramatische Geschlossenheit, die unerbittliche musikalische Logik dieses Werkes, das Beethoven beeinflußt und Brahms zu Äußerungen größter Anerkennung bewegt hat. Aber trotz des Erfolges dieser Medea war die eigentliche Neuentdeckung dieses Frühlings eine bisher unbekannte Verdi-Oper: „Aroldo“. Wer geglaubt hatte, hier eines der schwächeren und deshalb von der Zeit vergessenen Nebenwerke zu hören, staunte schon in dem Augenblick, da in dem gewaltigen Teatro Communale, dem eleganten Rundbau für 5000 Personen, Maestro Tullio Serafin den Stab hob. Schon die ersten Takte sind von starker Inspiration.

Diese Oper ist nicht ihrer musikalischen Schwäche halber von den Spielplänen verschwunden, sondern weil die Zensur den Text nicht akzeptieren wollte. Verdi hat sich mit dem Mißerfolg dieses musikalischen Lieblingskindes nie ganz abgefunden. Er bearbeitete und modelte um – vergeblich. „Stiffelio“ hieß das Werk bei seinem ersten Erscheinen im Jahre 1850. Der namengebende Held war ein protestantischer Pastor, der von seiner Frau hintergangen wird, ihr aber verzeiht, während er über das Evangelium von Jesus, der der Ehebrecherin vergibt, predigt. Die kaiserliche Zensur in Triest hatte einiges dagegen einzuwenden. Es gab die erste Umarbeitung – und den ersten Durchfall. 1857 war aus dem „Stiffelio“ ein „Aroldo“ geworden. Der Held war nun kein Pastor mehr, sondern ein schwertklirrender Ritter. Aber man nannte es „aufgewärmten Stiffelio“ und lehnte es ab. So ruhte es schließlich nahezu ein Jahrhundert.

Jetzt erwies es sich als ein vollgültiges Werk aus der besten Schaffenszeit Verdis. Das Publikum im großen Haus tobte mit südlicher Begeisterung.

Knapp vorher hatte es einen anderen Höhepunkt gegeben: die Erstaufführung von Prokofjeffs „Krieg und Frieden“ in der westlichen Welt. Diese letzte Oper des bedeutendsten russischen Komponisten unserer Zeit ist während des Krieges entstanden. Als Moskau in größter Gefahr war, fand Prokofjeff in Tolstojs Roman den rechten Vorwurf für ein großes Musikdrama. Die Beziehungen zwischen 1812 und 1942 wurden verstärkt, die Handlung vereinfacht. Der Komponist begnügt sich hier mit hergebrachten Mitteln. Erst im Mittelteil erwacht er zu seiner Eigenart. So ging der Erfolg, den Prokofjeffs Werk in Florenz fand, von diesem Mittelteil, dem Krieg, aus und nicht vom Frieden – er war aufrichtiger.

O. F. B.