Typisch für Betrachtungen dieser Art über das „Massenelend“ in unserem Lande ist, daß dabei kaum je die Frage aufgeworfen wird, wie es denn mit der wirtschaftlichen Leistung bestellt sei, bei jenen, die als „Enterbte des Schicksals“ bezeichnet werden. Leistungsfähigkeit und Leistungswille werden gleichsam als selbstverständlich voraussetzt, obwohl ihr Fehlen ja vielfach die Ursache des sozialen Absinkens ist. Entsprechend gilt als selbstverständlich, daß jeder, der Entschädigungsansprüche stellt oder eine Leistungsminderung geltend macht, für die er Versicherungsschutz beansprucht, nun auch die soziale Hilfe in Höhe des vollen Lebensunterhalts erhalten müsse: ohne daß die Vorfrage, ob nicht zunächst die Selbsthilfe am Platze sei, überhaupt gestellt wird. Sofern aber die ultima ratio der öffentlichen Fürsorge eingreifen muß, wird diese Art der Hilfe immer noch (und immer wieder – wie auch in jenem von uns zitterten Hörspiel) als diffamierend dargestellt. Warum eigentlich? Wer ohne eigenes Verschulden in Not geraten ist, sollte doch mit gutem Gewissen zur „Wohlfahrt“ gehen können – wie es etwa 1945 viele Frauen „bürgerlichen Standes“ selbstverständlich taten, da sie, ausgebombt oder vertrieben, ohne Arbeitsmöglichkeit am neuen Wohnort, keine Möglichkeit sahen, selber für ihre Kinder zu sorgen. Und verdient nicht etwa die ausgezeichnete soziale Arbeit der Fürsorger und Fürsorgerinnen jedes Lob? Ihnen ist es doch zu einem wesentlichen Teile zu verdanken, daß in unserem Lande, von wenigen Asozialen abgesehen, praktisch niemanden mehr gibt, der „unter dem Existenzminimum“ leben, d. h. vegetieren muß. So ist es ja tatsächlich, und nur Böswilligkeit oder Demagogie kann behaupten wollen, die „sozialpolitische Situation“ habe seit 1945 (oder 1948 ...) „nichts an ihrer Schärfe verloren“. Die Tatsachen sehen wahrlich anders aus. Georg Kessel