Am 16. Juni 1903, vor 50 Jahren, gründete Henry Ford I die Ford Motor Company in Detroit.

Fünfzig Jahre Ford-Geschichte enthalten wohl nicht die Geschichte des Automobils, sie sind aber wie ein Hohlspiegel, der die wesentlichen Ablaufe verdichtend wiedergibt. Als Henry Ford seine Gesellschaft gründete, produzierte man Autos so, wie man heute vielleicht Tonfilmgeräte für den Hausgebrauch erzeugt: Dinge, die einer haben kann, aber nicht haben muß ...

Ford versuchte seine Zeitgenossen davon zu überzeugen, daß die Welt in den kommenden Jahrzehnten ohne das Automobil gar nicht mehr auskommen würde. Es ist sein Verdienst, daß er ihnen zugleich auch das Gegenargument entkräftete: Autos seien, allein ihres Preises und ihrer Unterhaltungskosten wegen dazu verurteilt, Spielzeuge für Millionäre zu bleiben. Ford konstruiert? „gegen den Strom“, gleichsam mit rückläufiger Tendenz. Er führte das Auto auf seine Urelemente zurück – aber mit den Mitteln moderner Betriebswirtschaft und Materialkunde. Sein T-Modell, das .908 erschien, war urwüchsig-einfach, aber auch von jedermann zu bedienen. Es beschränkte sich auf eine Mindestzahl von Einzelteilen, aber diese Einzelteile waren so geformt, daß sie – bei der Erzeugung – leicht montiert und – bei der Reparatur – leicht demontiert werden konnten.

Er dachte als Konstrukteur nicht nur an den Mann, der das Auto fahren, sondern ebenso auch an den, der es bauen und an den, der es instandhalten sollte. Mehr noch als durch die bloße Vereinfachung schuf er so die Voraussetzung für größtmögliche Billigkeit: die Voraussetzungen für die rationellste Erzeugungsmethode und die Voraussetzungen für ständige Betriebsbereitschaft und lange Lebensdauer. Als Henry Ford 1914 den Durchschnittslohn seiner Arbeiter von 2,34 auf 5 $ erhöhte, gab der Direktor eines großen Stahlwerks in Pennsylvanien dazu folgenden Kommentar: „Jene Millionen, die Ford neuerdings unter seine Arbeiter verteilt, werden mehr Unzufriedenheit, mehr Anarchisten, mehr Klassenhaß, ja, mehr Bombenattentate zur Folge haben als irgendein anderes Ereignis seit einer Generation.“ Henry Ford blieb dennoch bei dem „glatten Wahnsinn“ seiner Sozialpolitik, erzwang dem amerikanischen Industriearbeiter ein „bürgerliches“ Einkommen und schuf die Grundlagen dafür, daß der Kommunismus in den USA niemals Fuß fassen konnte.

Ein Auto, das jeder Dorfschmied, ja, sogar der technisch unbegabte Besitzer leicht demontieren und erneuern konnte, erleichterte naturgemäß auch die Arbeit des Erzeugers. Der Schöpfer des T-Modells kam „wie von selbst“ auf die Idee des Fließbandes und zur Ablösung des „Handwerkers“ durch den höchstspezialisierten Industriearbeiter. Das T-Modell war das meistbewitzelte Auto aller Zeiten. Als tüchtige Verleger Ford-Witze gar in Buchform herausbrachten, wollten Ford-Direktoren zum Kadi laufen. Henry Ford verbot es ihnen: „Witze“, sagte er, „sind die beste Reklame.“ Er behielt recht. Das T-Modell erzielte den größten Verkaufserfolg der Automobil-Geschichte. Der Preis sank im Verlauf von nicht ganz 20 Jahren von dem eines Luxusgefährts auf den eines alltäglichen Gebrauchsartikels. Es kostete schließlich nur noch 260 Dafür wurden an einem Tage bis zu 9000 Einheiten erzeugt und abgesetzt. Über 15 Mill. Stück überfluteten den Erdball und erzwangen die Ablösung des Pferdewagens und des Ochsenkarrens durch das Automobil. Die Ford Motor Company betrieb schon 1909 Automobilexport nach vierzig Ländern. Heute gibt es Ford-Gesellschaften in allen wichtigen Staaten und selbständige Produktionsstätten in Deutschland, England, Frankreich, Kanada und Australien. 1927 wurde das T-Modell durch das A-Modell abgelöst; aber der hochgezüchtete „V-8“ der Vorkriegszeit ruhte noch ebenso wie der „Taunus“ von 1951 auf den abgewandelten Querfedern des T-Modells. Heute überschreitet die Zahl der insgesamt gebauten Ford-Automobile bereits die 40-Millionen-Marke.

Einer freilich hat die Entwicklung vorausgesehen, einer hat praktisch erproben müssen, ob seine Voraussicht richtig war. Henry Ford starb 1947 im hohen Alter von 83 Jahren, reich belohnt als der erfolgreichste Industrielle und Wirtschaftsführer unserer Zeit und im Bewußtsein, der Welt nicht nur ein anderes, sondern auch ein freudigeres Gesicht gegeben zu haben. Sch.