„Unerschöpflich scheint das Repertoire von betrügerischen Tricks, mit denen Vertreter ihre Firmen und ihre Kunden hinters Licht führen. Kaum eine Woche vergeht, ohne daß bei der Kriminalpolizei eine Anzeige gegen einen betrü-Renschen Vertreter eingeht. Und das Erstaunliche daran: jeder dieser Betrüger ist individuell, das heißt, jeder hat ein eigenes Rezept, nachdem er betrügt.“ (Aus einer nordwestdeutschen Tageszeitung.)

Es erhebt sich die Frage, ob sich auf dem Berufsgebiet des Handelsvertreters ein besonderes Feld für Kolportagen bietet oder ob hier tatsächlich ein Berufsstand gefährdet ist. Eine der ersten Beobachtungen in diesem Zusammenhang: die Berufs-Bezeichnung „Vertreter“ ist in den letzten Jahren recht ungenau geworden. Sie bezieht sich auf einen sehr vielschichtigen Personenkreis. Nach dem Handelsgesetzbuch aus der Jahrhundertwende ist ein Handelsvertreter – hier noch Handelsagent genannt – ein Kaufmann, der ständig damit betraut ist, für das Handelsgewerbe eines anderen Geschäftes zu vermitteln oder sie im Namen des anderen abzuschließen. An die Vermittlung von Waren an die Letztverbraucher; an den Versandhandelsvertreter oder Provisionsvertreter, der in den meisten Fällen nur ein Unternehmen vertritt, von ihm auch wirtschaftlich und weisungsmäßig abhängig ist, hat der Gesetzgeber damals sicherlich noch nicht gedacht. Bei diesen Vertretern ist der Charakter der Selbständigkeit nur selten gewährleistet; denn „selbständig ist, wer im wesentlichen frei seine Tätigkeit gestalten und seine Arbeitszeit bestimmen kann“. Allgemein wird unter der Vertretertätigkeit also die Warenvermittlung innerhalb der Handelsstufen verstanden, von der Industrie zum Großhandel und zum Einzelhandel.

Eine derartige Tätigkeit wird in der Regel nur dann erfolgreich ausgeführt werden können, wenn umfassende Warenkenntnisse und spezielle Wirtschaftskenntnisse der vertretenen Branchen vorhanden sind, so daß über den Weg einer gediegenen Beratung die Vermittlung des Geschäfts vollzogen werden kann. Die Handelsvertreter bezeichnen sich selbst als zwischen den vertretenen Werken und den Kunden stehend. Verständlich, daß es für eine derartige Tätigkeit sowohl. der persönlichen als auch der wirtschaftlichen Selbständigkeit bedarf.

Im Gesetzentwurfs den die Bundesregierung am 15. November v. J. vorgelegt hat und dessen erste Lesung mittlerweile erfolgt ist, wird als Handelsvertreter bezeichnet, wer als selbständiger Gewerbetreibender ständig damit betraut ist, für einen anderen Unternehmer Geschäfte zu vermitteln oder in dessen Namen abzuschließen. Allerdings führt dieser Entwurf in der Begründung an, daß sich die wirtschaftliche Lage der Handelsvertreter als selbständige Kaufleute durch die sozialen Umwälzungen seit 1918 „von Grund auf geändert“ habe. Es heißt weiter: „Gegenüber den wirtschaftlich unabhängigen Handelsvertretern überwiegt die Zahl der von den Unternehmern abhängigen Handelsvertreter erheblich.“

Es gibt also bereits einen großen Kreis von Vertretern, die mit, der fehlenden Selbständigkeit nicht mehr die Voraussetzung besitzen, um in der Regel ihre Tätigkeit zuverlässig und erfolgreich ausüben zu können. Hinzu kommt, daß viele dieser Vertreter auch mit dem Inkassogeschäft betraut werden, was selbständige Vertreter nach Möglichkeit ablehnen, jedenfalls nur selten und dann auch nur ungern tun. Wenn also die sozialen Umwälzungen viele Vertreter um eine der wesentlichen Voraussetzungen ihres Berufes gebracht und damit die Arbeit erschwert haben, so wäre nach einem Ausgleich zu suchen, um solche Personen fernzuhalten, die diesen erschwerten Bedingungen nicht gewachsen sind.

Nach Artikel 12 des Grundgesetzes darf nur die Beruf ausübung durch Gesetz geregelt werden, nicht aber die Berufswahl. Von zuständiger Regierungsseite wird die Meinung vertreten, daß der Artikel 12 einmal jede Lenkung der Berufswahl verhindern wolle, darüber hinaus jede staatliche Beschränkung des Zugangs zu einem Beruf, etwa durch einen numerus clausus oder durch eine Bedürfnisprüfung. Derartige Einschränkungen seien nur noch in dringenden Fällen gestattet. Etwas anderes sei jedoch die Prüfung auf persönliche Zuverlässigkeit und Sachkenntnis. Auch die diesjährige Hauptversammlung der „Centraivereinigung Deutscher Handelsvertreter- und Handelsmakler-Verbände“ in Hannover hielt den Nachweis der persönlichen Zuverlässigkeit und einer genügenden kaufmännischen Vorbildung für unerläßlich. Man sprach sich für eine gesetzliche Regelung aus, die gleichzeitig alle Gruppen des Handels umfaßt.

Das Dilemma bei den Handelsvertretern entstand nun zu einem großen Ausmaß durch den unterschiedlichen, aber doch überall entscheidenden Einfluß der Besatzungsmächte auf die derzeitige Gesetzgebung. Bis zum Eingreifen der amerikanischen Militärregierung im Herbst 1948 gait in Deutschland ein reichseinheitliches Gewerbezulassungsrecht auf Grund der Reichsgewerbeordnung und ihrer Ne- – bengesetze. In der amerikanischen Zone begann die allgemeine Gewerbefreiheit, während in der britischen Zone Ländergesetze die Berufsausübung regelten. Meist werden hier Prüfungen auf persönliche Zuverlässigkeit und Sachkenntnisse vorgeschrieben, jedoch fällt überraschenderweise diese Sachkundeprüfung bei den Handelsvertretern, nahezu als einzigem Beruf, fort. Ganz offensichtlich wollten die Gesetzgeber irgendwo ein Loch lassen, um allen jenen eine Chance zu geben, die sonst nicht zum Zuge kommen würden.