Im Zusammenhang mit reformatorischen Bestrebungen, die sich in der deutschen Hotellerie immer mehr bemerkbar machen, ist ein interessanter Versuch zu notieren: Der Verband „Kieler Kaufmann“ hat eine zerstörte Villa in einem Park an der Förde zu einem Hotel umgebaut und es der Leitung des früheren Oberstewards der „St. Louis“ anvertraut. Die Mitglieder des Verbandes, der die in Kiel ansässigen namhaften Kaufleute umfaßt, und die der befreundeten Verbände haben mit ihren Familienangehörigen die Befugnis, dieses zwischen Hotel und Klub gehaltene Haus zu besuchen.

Noch radikaler ist ein Versuch in dem Ostseebad Scharbeutz: dort wird den Fremden – wenn die Saison anhebt – ein Zeltdorf zur Verfügung gestellt, das mit allem Zubehör am Strand errichtet wird. Ebenfalls in Scharbeutz zeigt sich auch noch eine andere Lösung: jedem Gast ein eigenes Häuschen, das ihn in die Möglichkeit setzt, seine eigene Küche zu führen. Das hat von der gastronomischen wie von der ökonomischen Seite her vieles für sich.

Ein unternehmerischer Mann, angeregt durch amerikanische Beispiele und durch die deutsche Einrichtung der Wochenendhäuschen, gestaltete ein Terrain in der Nähe des Strandes zu einer vielfach bewegten Obst- und Blumenanlage und setzte ein Dutzend Häuschen hinein. Jedes hat nur einen einzigen Raum, der mit Betten und Möbeln und Wasser versehen ist. Eine Art von Kommode stellt sich, öffnet man ihre Tür, als eine kleine mit Gas betriebene Küche, mit voller Koch- und Tischeinrichtung und Speiseschrank heraus. Die Häuschen sind zum Teil in alter Dorfart mit heimeligem Strohdach gebaut, grün umrankt, und vor jedem befindet sich eine kleine Plattform, Platz für die Liegestühle. Ihre Gesamtheit inmitten des mit Rasenplätzen, einer Fülle von Blumen, Springbrunnen und Duschen versehenen Anlage bildet eine kleine heitere Kolonie von Bungalowchens. Das Bett wird mit vier Mark für die Nacht berechnet.

Ein kleines Café bietet die Möglichkeit, Gäste zu haben, wenn man nach Geselligkeit Begehr hat, und auch, sich vom Wirt den Tisch decken zu lassen, wenn man einmal zum Kochen zu bequem ist. Es gab sich nach jenem tropischen Paradies in USA den Namen „Florida“ und, vom Namen verführt, betreibt es in der Ausgestaltung ein wenig Zauber mit venezianischen Nächten unter Pergolen, Verwendung von Bambus und Schilf, wie auf den Fidschi-Inseln, künstlichen Äffchen zwischen Orchideen aus Stoff und dergleichen verspielten Dingen, so daß es von der geschmacklichen Seite nicht ganz auf der Höhe des Einfalls steht, dem es seine Gründung verdankt.

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Ich kenne noch eine zweite ähnliche Anlage. Sie liegt am Nordrand der Lüneburger Heide, für den Automobilisten leicht zugänglich von Hittfeld an der Autobahn Hamburg–Bremen aus, für den Fußgänger ein beträchtliches Stück abseits vom Verkehr; und die völlige Einsamkeit in einem aus Ackerland und Wald zusammengewürfelten Gelände ist hier ein besonderer Reiz. Die Lage in der ansteigenden Höhe gibt einen Blick über großräumig auseinandergestreute Siedlungen und weit überschaubare Landschaften.

Die Häuschen – in üppigerer und phantasievollerer Ausführung als in „Florida“ – verteilen sich an einem Waldrand über einem malerischen Waldtälchen. Diese kleine Hotelkarawanserei nennt sich nach dem Buch Paul Kellers „Ferien vom Ich“, übrigens in einer falschen Auslegung des Sinns dieses Titels, und auch hier hat der Name in besonderer Art am Charakter der Ausgestaltung mitgespielt. Das ganze Gewese wird unter die Fiktion gestellt, eine liliputanische Dorfgemeinschaft zu bilden und läßt das in den Namen und im Aussehen der einzelnen Häuschen erkenntlich werden. Es gibt eine „Bürgermeisterei“, ein „Spritzenhaus“, eine „Kapelle“, einen „Dorfkrug“ und ähnliches. Darüber hat es sich einen zweiten Namen verliehen und nach seinem Gründer, dem Zimmermann Sinn – nennt es sich auch Sinndorf.