Das Kalenderblatt zeigt als Datum: 17. Juli 1948. Es ist knapp vier Wochen „nach der Währung“. Hoch über der Ruhr steht ein Gasthaus, von dessen Söller der Blick weit über die industrielle Herzkammer Deutschlands geht.

Der Gasthausanlage sieht man es an, neun Jahre nach Kriegsbeginn, daß sie vor zehn Jahren die letzte Farbe, die letzte liebevolle Behandlung erhalten hat. Nur ein Teil der Veranda – mit dem schönsten Blick in die Ferne – hat Glas. Wir steuern darauf zu. An der Tür: „Off limits.“ Also zur anderen Seite, wo Holzverschalungen, Pappe und Glaspapier die Scheiben ersetzen. Hier stehen einige Männer, die Deutsch sprechen. Vor der Tür parken wenige Wagen mit Holzgenerator und Chauffeuren, die noch gefärbte Wehrmachtsuniformen tragen.

Ein erstes Industriellentreffen findet statt. Hier und da ein Wiedersehen aus der Vorkriegszeit, ein Wiedertreffen in Freiheit nach gemeinsamen Monaten und Jahren in den Krals, in denen viele hundert Betriebsführer durch Machtspruch der Besatzungen zusammengepfercht worden waren.

Ein billiger Korn – welch eine Sensation! – geht als Begrüßungsumtrunk die Runde. Das Konferenzmenü ist schlicht und einfach: eine Brühe mit Brot, ein Fleischgang und Nachtisch. Dabei werden doch größte wie kleinste Firmen von jenen Männern repräsentiert; Produzenten und Verbraucher, Grundstoffindustrie, Weiterverarbeitung und Konsumgüter sind vertreten.

Ungewöhnlich lebhaft sind die Gespräche. Pläne, Hoffnungen, nahe und weite Ziele, Prophezeiungen und Prognosen schwirren wie ein buntes Feuerwerk von Mann zu Mann, von Gruppe zu Gruppe. Frei fühlt sich alles, frei von der Korruptionsatmosphäre der letzten RM-Jahre, frei von der Bewirtschaftung, von der bürokratischen Bevormundung und der Herrschaft der Schwarzmärktler.

Voll Glauben und Hoffnung von den einen, voll Skepsis und Mißtrauen von den anderen wird über das Zukunftsbild Deutschlands gesprochen. Jeder ist sich darüber klar, daß Professor Erhard den Start in die D-Mark auf einer jämmerlichen Ausgangsbasis begann, auf einer Ausgangsbasis, die außer illiquiden Sachvermögen nur Imponderabilien als güldene Deckung aufzuweisen vermochte. Westdeutschland war bis zur Währungsreform nicht nur von fast 40 Milliarden neugedruckten Alliierten-Mark leer gekauft worden; es hatte bis dahin bereits für weitere 12,6 Milliarden RM Reparationen in Form von Besatzungskosten gezahlt. Die junge DM wird an der Züricher Börse gerade zum Kurse von 16 Schweizer Franken für 100 DM gehandelt. Die industrielle Produktion liegt bei 53 v. H. von 1936. Die Demontagen sind erst im Anlaufen. Produktionsverbote, Beschränkungen und Eingriffe in das deutsche Wirtschaftsleben herrschen in unverminderter Kapitulationsschärfe. Es gibt noch nicht einmal das berüchtigte Gesetz Nr. 75 zur Entflechtung der deutschen Montanwirtschaft. Es regiert unverdrossen das Potsdamer Abkommen vom 2. August 1945, und die Stahltreuhänder wissen nicht, ob sie in Wirklichkeit alliierte Vollstrecker oder „deutsche Retter“ sein werden.

An der Theke stehen Generaldirektor und Chauffeur nebeneinander, wie in den verflossenen Kriegsjahren so oft, und versuchen für ihre Raucherkarte ein paar Zigaretten zu erhalten. Die Tageszeitungen (die noch keineswegs alle „täglich“ erscheinen) kündigen für den Herbst eine neue Brotkrise an, was – zusammen mit Stromsperren und Kohlenkrise – kräftige Schatten auf die Prognosen der Mutigen werfen mag.