II. Weltthese: Ernährung für alle – Recht und Unrecht statistischer Prophezeiung

Von K. C. Kowalewski

Unter den Bevölkerungs Wissenschaftlern, die in letzter Zeit viel von sich reden gemacht haben, gibt es Pessimisten und Optimisten. Die einen sagen, die Weltkatastrophe sei unvermeidlich, die sich aus der drohenden Überbevölkerung der Erde ergäbe. Die anderen beruhigen: es ließe sich noch viel unbewohntes Land bewohnbar machen; die Erde sei durchaus nicht bekannt, sie berge noch ungeahnte Möglichkeiten. – Unsere Darstellung bevölkerungswissenschaftlicher Fragen bemüht sich, die Resultate der pessimistisch und optimistisch betonten Forschung gegeneinander abzuwägen.

Typisch für die heutigen Pessimisten unter den Bevölkerungswissenschaftlern ist die Betrachtung einer führenden englischen Zeitung: „Die im Vergleich mit den Industrieländern höhere Geburtenrate Asiens wird schon jetzt nicht mehr durch die höhere Sterblichkeit ausgeglichen. Diese Zahl wird immer mehr sinken, je höher sich Asien wirtschaftlich entwickelt. Daraus wird ein neuer Druck zur Erschließung von Nahrungsmittelquellen entstehen – und damit eine ständige Verlagerung des Welthandels. Die Verarmung des Westens wird nur durch eine ungeheure Verstärkung und Beschleunigung der Fortschrittsrate zu erreichen sein. Bis zur Jahrhundertwende wird die Bevölkerungszahl Groß-Britanniens von etwa 50 Millionen konstant bleiben. Der Anteil der Altersgruppen von 15 bis 40 Jahren wird jedoch sinken, und die Gruppen über 65 werden bis 1977 um 40 Prozent steigen. Daraus entstehen folgende Probleme: Der Etat muß eine ungeheure Last von Renten und Pensionen tragen, und der politische Druck der Alten auf die Jungen könnte sich als ernster Umstand erweisen. Dieses Zahlenbeispiel läßt einen ausgesprochenen Mangel an Arbeitskräften befürchten. Auf welche Weise kann dann aber die Produktivitätssteigerung erzielt werden, die zur Bezahlung des konstanten Einfuhrvolumens bei ständig steigenden Preisen erforderlich ist?“

Das Bevölkerungsproblem ist verwirrend genug: auf der einen Seite spricht man von Übervölkerung und schreit nach Birth Control; auf der anderen Seite prophezeit man für die nächsten Jahre einen erheblichen Nachwuchsmangel, weil im Verhältnis zu der alten Bevölkerung nicht genügend Kinder geboren werden. Und während die Bevölkerungsexperten als einzigen Ausweg aus dem Dilemma eine intensive Geburtenregelung empfehlen, gewährt der Staat den Kinderreichen Steuervergünstigungen. Im nationalsozialistischen Staat gab es Mütterorden, und der Osten verteilt heute Prämien für Zeugungshochleistungen.

Sieht man sich die Statistiken an, so scheint die Furcht vor der Übervölkerung für die nächste Zukunft unbegründet: denn die Erdbevölkerungsdichte beträgt durchschnittlich nur 18 Menschen pro Quadratkilometer. Und gibt es nicht die großen Leerräume der Welt in Australien, Kanada, Südamerika und Afrika? Könnte nicht Holläncisch-Neuguinea mit seinen 200 000 Menschen 20 Millionen Japaner aufnehmen? Solche Argumente hört man oft. Und sie wären nicht unrichtig, wenn eine Neuverteilung der Menschheit möglich wäre. Doch an diesem „wenn“ scheitert die Argumentation. Raum existiert nur immer insofern, als er bewohnbar ist und nach dem jeweiligen Stand des technischen und finanziellen Weltpotentials und (ein entscheidender Faktor) des Good Will der Völker erschlossen werden kann.

Der realistische Bevölkerungspolitiker muß sich mit der Welt, wie sie nun einmal ist, abfinden. Für ihn bedeutet Übervölkerung ganz einfach, daß mehr Menschen auf der Erde leben, als Ernährungsraum zur Verfügung steht. Man kann es auch anders ausdrücken: Die Bevölkerungszahl wird eines Tages die Produktionskapazität des Bodens überschreiten. Diesen Standpunkt könnte man den agrarwissenschaftlichen nennen. Es gibt auch eine andere Formulierung, die sich besonders in den letzten Jahren verbreitet hat: Die jährlich der Welt zur Verfügung stehenden Lebensmittelmengen werden eines Tages nicht mehr ausreichen, um allen Menschen eine angemessene Ernährung zu sichern. Diese Formulierung enthält den ethischen Grundsatz, daß alle Menschen ein „Recht“ auf Sattsein haben, wobei über das, was „angemessen“ ist, durchaus keine einheitliche Meinung besteht.