Von unserem Korrespondenten

R. St. Bonn, Mitte Juni

Es ist knappe zehn Tage her, da hat der Bundesvorstand der FDP in Godesberg den Antrag, Achenbach aus der Partei auszuschließen, bestätigt. Middelhauve hat damals nicht gegen diesen Beschluß gestimmt. Aber kaum nach Düsseldorf zurückgekehrt und dort offenbar wieder stärker unter den Einfluß seiner engeren Parteifreunde geraten, begann er sich von seiner Godesberger Haltung zu distanzieren. Am Sonntag, genau eine Woche nach dem Beschluß des Bundesvorstandes, trat er in Limburg offen an die Seite Achenbachs: „Ich werde mich schützend vor diesen Mann stellen, solange nicht durch das Ehrengerichtsverfahren seine Schuld nachgewiesen ist“, erklärte er. Wenn die Äußerungen stimmen sollten, die Naumann ihm in seinem Tagebuch in den Mund legte, dann müßte Achenbach allerdings disqualifiziert werden. Aber, so fuhr Middelhauve fort, jeder, der Achenbach kenne, wisse, daß er jene Äußerungen nicht getan haben könne.

Nach einer Tagebuchaufzeichnung Naumanns vom 26. August 1950 hat Achenbach diesem bei einem Besuche erklärt: „Ein Volk in dieser Lage, ohne nationale Souveränität, von Hohen Kommissaren regiert, braucht Stresemänner. Um den NS unter diesen Umständen trotzdem einen Einfluß auf das politische Geschehen zu ermöglichen, sollen sie in die FDP eintreten, sie unterwandern und ihre Führung in die Hand nehmen. An Einzelbeispielen erläutert er, wie leicht das zu machen wäre. Mit nur 200 Mitgliedern können wir den ganzen Landesvorstand erben. Mich will er als Generalsekretär o. ä. engagieren! Es ist ihm so ernst um sein Angebot, daß er zum Schluß bedeutet: entweder wir nehmen an und unterstützen ihn oder er zieht sich aus der Politik zurück.“

Der in seinen Schlußfolgerungen sehr vorsichtige Untersuchungsausschuß ist nach gründlicher Prüfung dieses und anderen Materials zu dem Ergebnis gekommen, Achenbach habe die Partei durch sein Verhalten schwer geschädigt: „Er hat nach seiner Grundhaltung niemals zu uns gehört... Der Sachverhalt zwingt uns zu der Annahme, daß Dr. Achenbach Naumann, dessen politische Natur er kannte, ermutigt hat, den Versuch zur Unterwanderung des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen zu machen.“ Achenbach sei in den letzten Jahren in dauerndem Kontakt mit Naumann gewesen. „Seine Angabe, daß es sich ausschließlich um geschäftliche Unterhaltungen gehandelt habe, begegnet nach Sachlage Bedenken.“ Wen will denn Herr Achenbach schließlich noch Glauben machen, daß er von den politischen Plänen und der Gesinnung Naumanns nichts gewußt hätte? Welcher Art diese Gesinnung ist, zeigt zur Genüge eine andere Eintragung in Naumanns Tagebuch: „Man kann ein Ideal nicht verraten, dem man von Jugend auf so verhaftet war wie wir.“

Aber auch Middelhauves „Gutgläubigkeit“ erscheint immer problematischer. Sie verlöre auch bei denen, die beide Augen zuzudrücken bereit sind, jegliche Unterstützung, wenn er sich weigern sollte, Achenbach auszuschließen, oder wenn er darauf bestände, Nachsicht für Döring zu üben. Der Bundesvorstand hat gegen den Hauptgeschäftsführer Döring den Verdacht der Illoyalität ausgesprochen und die Einleitung einer Untersuchung gegen ihn verlangt. Middelhauve scheint zu diesem Verfahren nicht viel Lust zu haben. In solchen Fällen pflegt er für Nachsicht zu plädieren. Dafür gibt es eine ganze Reihe von Beispielen. Der Untersuchungsausschuß hat festgestellt: „Tatsache ist, daß ein maßgebender politischer Ratgeber des Herrn Dr. Middelhauve, Dr. Achenbach, und sein nächster Mitarbeiter, Diewerge, konspiratorische Beziehungen zu Naumann unterhalten haben.“

Von Diewerge bekam Naumann regelmäßig vertrauliche Informationen über innere Angelegenheiten der FDP. Von ihm erhielt Naumann auch den Entwurf des „Deutschen Programms“, und zwar acht Tage vor den meisten Parteimitgliedern. Verständlich, daß sich Naumann „herzlich für die viele Post“ bedankt. „Ihre Informationen sind für mich außerordentlich wertvoll“, erklärt er. Und ausgerechnet diesen Diewerge empfiehlt Middelhauve dem Organisationsausschuß der Gesamtpartei als Schulungsredner in den Landesverbänden. Diewerge teilt daraufhin Naumann mit, er sei motorisiert, und beide vereinbaren, bei dem Besuch der „Gauhauptstädte“ ihre nationalsozialistischen Beziehungen zu pflegen. Diewerge läßt sich von Naumann als zweiten Privatsekretär für Middelhauve den ehemaligen nationalsozialistischen Landrat, Dr. Heinrich Lindner, vermitteln. Und Middelhauve nimmt ihn. Wieder hat er nicht die Spur eines Mißtrauens.