Von Eka von Merveldt

Wer es noch nicht gewußt haben sollte, konnte es in diesen Tagen in Hamburg von Thomas Mann erfahren: In Lübeck war man immer mehr skandinavisch orientiert und in Hamburg mehr englisch. An der ersten „Nordischen Woche“ in Lübeck 1921, drei Jahre nach dem ersten Weltkrieg, hatte Thomas Mann mit seinem das aufsteigende Problem Abendland und Osten behandelnden Vortrag „Goethe und Tolstoi“ bedeutenden Anteil, obwohl man auch damals in den Mauern der Stadt einige Verstimmung hegte wegen gewisser anzüglicher Porträts in den „Buddenbrooks“. Während der diesjährigen „Nordischen Tage“, die zum ersten Male seit Kriegsende wieder stattfanden, wurde Thomas Mann offiziell nicht empfangen und fuhr, auf dem Wege nach Travemünde fast unerkannt durch Lübeck.

Mit taktvoller Zurückhaltung äußerten sich die Stadtväter, allen voraus Bürgermeister Passarge, in der Eröffnungsfeier im schönen Audienzsaal des alten Rathauses darüber, daß sie mit Geduld gewartet hätten, und es erst in diesem Jahre wagten, wieder die „Nordischen Tage“ zu feiern, die seit 1933 so mißbraucht worden waren. Der willkommensgruß, den die Lübecker den mit den Schiffen Dania und Drottning Viktoria (dem zum erstenmal eingesetzten Fährschiff der neu eröffneten Linie Trelleborg – Travemünde) eingetroffenen Gästen aus Dänemark, Schweden und Norwegen bot, war herzlich, offen und nach allem Vergangenen auch von einer gewissen Scheu. In Lübeck hat man wohl verstanden, was kürzlich der norwegische Außenminister Halvard Lange bei seinem Besuch in Bonn gesagt hatte: „Die Dinge, die einmal geschehen sind, können nicht für immer unvergessen bleiben. Deshalb hat mein Besuch in der Tat vor allem den Zweck, die Brücke zwischen Norwegen und Deutschland zu verstärken. Ich muß aber darauf hinweisen, daß im norwegischen Volk die schweren Jahre der deutschen Besatzung mit den vielen Geschehnissen, die uns damals sehr betroffen haben, innerlich noch nicht völlig überwunden worden sind. Es wird bis dahin noch einige Zeit dauern, und man wird auf beiden Seiten Geduld haben müssen.“

Der führende Geist bei den „Nordischen Tagen“ im Jahre 1953 war Odd Nansen. Seine Rede im Rathaus hob das Niveau der Tagung aus der nur politischen oder nur wirtschaftlich-materialistischen Sphäre auf eine Plattform menschlicher Verständigung, und sie wirkte in allen weiteren Gesprächen befruchtend fort. Odd Nansen wurde nicht nur als Wohltäter der Flüchtlinge und Bedrängten geschätzt, er imponierte durch seine uneitle Persönlichkeit, durch seine freie, natürliche Haltung. Seine Ausführungen zu dem Thema „Erneuerungen aus dem Geist des Humanismus“ zündeten, weil sie sich gegen den Pessimismus und die ewigen Untergangstendenzen wandten, welche Ursachen sie auch immer haben mögen: von Unglück gesättigte Lebensmüdigkeit, Ungewißheit oder – wohl am häufigsten – geistige Trägheit und Gleichgültigkeit. Er kritisierte die Menschen, die freiwillig alles selbständige Denken aufgeben, und er kritisierte den Staat und seine Überorganisationsmanie, die den Wert, des Menschen auslöschen und eine Nummer aus ihm machen. Er erfand dabei drastisch Beispiele: „Wir werden allmählich einander immer ähnlicher. Unsere Eckigkeit wird abgewetzt, unsere Hörner werden abgestoßen. Schließlich passen wir so einigermaßen als Räder und Teile in die große Maschine, die Staat heißt, hinein. Dies mag uns an die amerikanische Rasiermaschine erinnern, die so famos ist, daß man nur sein Kinn an die Maschine zu legen braucht – und man wird rasiert. Aber alle haben doch nicht das gleiche Kinn, wird eingewendet. Aber man erhält es, peu à peu, ist die •Antwort.“

Und er vollendete das armselige Bild dieses Wiedernen Menschen folgendermaßen: Sich glaube, da? der moderne Mensch das unglücklichste und einsamste aller Geschöpfe ist, das hilflose Opfer eines grundverkehrten, erzwungenen und tragischen Zeitgeistes, ohne einen einzigen festen Anhaltspunkt in Dasein, ohne Ziel und ohne Sinn. Der Mensch hat sich selbst entmündigt dadurch, daß er andere – das heißt das Kollektiv oder den Staat – bestimmen läßt. So verzichtet er auch – und das ist vielleicht das Gefährlichste – auf jede persönliche Beurteilung von Fragen moralischer Natur, während gleichzeitig die Abschätzung der eigenen Person zu einer oberflächlichen Beurteilung herabsinkt, die lediglich Wert darauf legt, wie tüchtig er in de-Arbeit sei, und wieviel Geld man mit dieser Arbeit die Woche, den Monat oder das Jahr verdienen könne.“

Die integre Gestalt Odd Nansens ist weit darüber erhaben, daß man ihn als altmodischen Idealisten abtut, und seine Worte ließen keinen Zweifel daran, daß nicht nur im Norden, sondern auch bei uns und in anderen Ländern die Gruppe von Menchen wächst, die die Gegenoffensive gegen die Verkeiner aufgenommen hat. Sie treten für den Humanismus als Lebenshaltung ein. Sie bejahen alles, was zu höherer, freier, persönlicher Entfaltung führen kann im Sinne der beiden einander ergänzenden Sätze: „Erkenne dich selbst“ und „Vergiß dich elbst“. Die schöne deutsche Parole „Leben und eben lassen“, die dem echten Geist des Humanismus entsprungen sei, hätten die Deutschen leider nicht immer befolgt, sagte Odd Nansen.

Er sah in den „Nordischen Tagen“ in Lübeck eine beispielhafte Möglichkeit, den Humanismus zur Tat werden zu lassen. Hart an einer Grenze, die Jahre hindurch Angst und Furcht entstehen ließ, öffnete ich wieder durch den guten Willen der Menschen das nordische Tor, das ein Vorbild werden könne für andere Länder, denn zum Vertrauen und zur Verständigung sei zunächst das Einander-Kennenernen notwendig.