Am Tage nach Stalins Tod wurde in einem Kreise von Politikern dieses weltbewegende Ereignis heftig diskutiert. Plötzlich stand die Hausfrau ärgerlich auf und sagte: "Ich versteh’ euch nicht. Da habt ihr jahrelang geklagt, es gebe keine Hoffnung in dieser ausweglos festgefahrenen Welt, es sei denn, Stalin sterbe. Nun ist er tot, und nun seid ihr noch ratloser als zuvor."

In der Tat hat man sich so an den kalten Krieg gewöhnt, dessen Spielregeln mittlerweile alle Beteiligten gelernt haben, daß man dem angeblich ausbrechenden Frieden wirklich recht ratlos gegenübersteht. Der Kurswechsel des Kreml – auch wenn er nur taktisch sein sollte – kommt in dieser Phase des kalten Krieges dem Einsatz der Atombombe im Krieg gleich, so unübersehbar ist die Kettenreaktion dieses Ereignisses. Noch in keinem Zeitpunkt seit 1945 ist die Möglichkeit, vieles zu gewinnen oder alles zu verlieren, so groß gewesen wie heute. Eins sollte man sich dabei vor Augen halten: daß nach wie vor die These Eisenhowers aus seiner State of the Union-Botschaft gilt: "Nur der Sieg im kalten Krieg kann den dritten Weltkrieg verhindern."

Jede falsche Bewegung kann jetzt das Pendeln der Waagschalen des west-östlichen Kräfteverhältnisses zu unseren Ungunsten verschieben. Denn nur die Tatsache, daß das eindeutige Übergewicht des Ostens allmählich geschwunden und eine Art balance of power eingetreten ist, hat die Sowjets veranlaßt, das Ruder herumzuwerfen. Die Meinung, die vielfach vertreten wird, daß die unhaltbare ökonomische Situation in der Ostzone die Sowjets gezwungen habe, ihre Politik zu revidieren, ist doch absurd. Ist vielleicht die Lage in der Tschechoslowakei rosiger? Macht sich der Kreml überhaupt je Gedanken über das Befinden seiner Untertanen? Verschwendet er beispielsweise einen Gedanken an das Schicksal seiner SED-Funktionäre in der Ostzone, die doch nichts anderes getan haben, als, getreu den Moskauer Befehlen, eben jene ruinöse Politik durchzuführen, und die jetzt, wenn es nötig werden sollte, kühl lächelnd liquidiert werden?

Der Daily Telegraph schrieb zwar: "Der sowjetische Stellungswechsel ist ein Eingeständnis, daß die Politik der kräftigen Sowjetisierung des Herrn Ulbrichts ein Fehler war, der stellvertretende Ministerpräsident der Sowjetzone hat offenbar nichts aus den sowjetischen Erfahrungen der letzten Generation gelernt. Er ließ sich auf Maßnahmen zur Kollektivierung der Landwirtschaft und auf einen Kirchenkampf ein, die die Wirtschaft der Zone gelähmt und die Öffentlichkeit entfremdet haben." Welche Verkennung der Lage und der Handlungsfreiheit eines stellvertretenden Ministerpräsidenten in einem Satellitengebiet! Welche Arglosigkeit gegenüber dem russischen Manöver, die westliche Integration und die Wahlen in der Bundesrepublik aus politischen Motiven zu torpedieren und dafür soziale und wirtschaftliche Argumente zu erfinden! Der Evening Standard wirft sogar dem Bundeskanzler rücksichtslose Machtpolitik vor und beschuldigt ihn, daß er die westlichen Bemühungen einer Verständigung mit der Sowjetunion sabotiere, nur weil er nicht eilig und vorbehaltlos die Beschlüsse des sowjetzonalen Politbüros bejubelt. Aus ähnlichen Mißverständnissen wächst auch die britisch-amerikanische Spannung, die für den Kreml so fruchtbar ist.

Dieser Spannung liegt eine Meinungsverschiedenheit zugrunde, die aus jener eingangs erwähnten Ratlosigkeit geboren ist. Die einen wollen sich weiterhin auf die bewährte Faustregel verlassen: Erst rüsten, dann reden! Nur dank einer unbeirrten Rüstungs- und Integrationspolitik und dem Aufbau der NATO-Organisation, sagen sie, sind wir soweit gekommen; folglich war unsere Politik richtig, und deshalb sollten wir sie fortsetzen. Die anderen leugnen diese Tatsache nicht, sind aber der Meinung, der Zeitpunkt sei gekommen, auf dem Verhandlungswege heraus zu finden, wie weit man eigentlich gediehen ist. Und sie haben zweifellos recht, denn, wenn man nicht ab und zu auf dem eingeschlagenen Weg prüfend innehält, landet man zwangsläufig eines Tages in der Sackgasse. Schlimm daran ist nur, daß die Verhandlungswilligen in ihrer Bereitschaft so überschwenglich sind, daß sie alles andere darüber vergessen. Der Observer schrieb neulich, auf keinen Fall dürfte beim Kreml der Eindruck entstehen, daß der Westen sich in Bermuda zusammenrotte.

Genau das aber ist nötig, jetzt nämlich ist der Zeitpunkt gekommen, wo man die beiden Taktiken gemeinsam anwenden sollte: sich zusammenrotten, Druck ausüben, fordern, aber gleichzeitig verhandeln! Jetzt ist der Moment, wo vielleicht wieder einmal wirkliche Politik gemacht werden kann.

Was ist denn geschehen? Auf der ganzen Front von der Ostsee bis zu den Dardanellen machen die Sowjets Konzessionen. In der Ostzone werden willkürlich Verurteilte zu Tausenden aus den Gefängnissen entlassen. Der Kirchenkampf wird eingestellt, die Schulreform, die Kollektivierung der Landwirtschaft und die Sozialisierung des Kleingewerbes werden rückgängig gemacht, den in die Bundesrepublik Geflüchteten wird Generalpardon verheißen. Soweit betreffen diese Maßnahmen nur den Abbau zusätzlicher Schwierigkeiten, die während der letzten zwölf Monate, seit dem Parteitag der SED, also inszeniert wurden. Es ist der alte Trick: erst Hindernisse aufzubauen, nach deren Abbau – der als große Konzession gefeiert wird – man dann doch wieder auf dem status quo landet. Aber in diesem Fall sind die Sowjets zweifellos entschlossen, noch weiterzugehen. Alle Maßnahmen, die während der letzten Tage ergriffen wurden, sind auf das Ziel gerichtet, den Unterschied zwischen den beiden Hälften Deutschlands nach Möglichkeit zu verringern. Es kursieren sogar Gerüchte, die Volkspolizei werde von 120 000 Mann auf die Stärke des westlichen Grenzschutzes abgerüstet, die vormilitärische Ausbildung der Jugend werde gestoppt und westdeutsche Zeitungen würden wieder in der Zone zugelassen.