Was gehört zur sozialen Seite des Gesundheitswesens? Mit dem Vorhandensein gründlich geschulter Ärzte allein ist es nicht getan. Nötig ist eine zufriedenstellende Ernährung; erforderlich sind leistungsfähige, genügend zahlreiche Krankenhäuser der verschiedensten Art, wie auch ein gut eingespieltes öffentliches Medizinalwesen, mit einer exakt wirkenden Seuchenabwehr; ebenso aber gehört hierzu auch eine ausreichende Arzneimittelversorgung und, last not hast, ein voll leistungsfähiger Markt aller zur persönlichen Hygiene erforderlichen Bedarfsartikel, von der Seife über die Waschmittel, zu Wäsche, Kleidung und – um nur noch einen wichtigen Faktor herauszugreifen – auch eine gut beheizbare und gut belüftbare Wohnung.

Nachdem unser sozialer Apparat, wenn auch mit mannigfachen Aushilfen, bis kurz vor der Kapitulation relativ gut durchgehalten hatte, brach er nunmehr praktisch über Nacht zusammen. Freilich bewog die Angst vor Infektionsgefahren die Besatzungsbehörden, sofort die Seuchenabwehr tatkräftig in die Hand zu nehmen. Trotzdem kam es zu einem rapiden Anstieg einer Reihe von Infektionskrankheiten: so der Diphterie, der typhösen Erkrankungen und vor allem der Geschlechtskrankheiten. Auffallend ist, daß die Erhöhung der Tuberkulosesterblichkeit bei weitem nicht den Stand zur Zeit des ersten Weltkrieges erreicht hat: ein hervorragendes Zeugnis für die Leistungsfähigkeit der modernen Tuberkulosetherapie. Ein sein schwieriges Problem bildete die starke Verwurmung weiter Bevölkerungskreise, weil es an den (meist aus ausländischen Drogen hergestellten) Arzneimitteln und, vor allem, an Seife und Körperpflege mitteln fehlte (was sich auch in der Zahl der Krätzeerkrankungen ausprägte). Zahlreiche Todesfälle jener Zeit waren auf Wurmerkrankungen unmittelbar oder mittelbar zurückzuführen. Vor allem aber war das Gesundheitsbild der deutschen Bevölkerung in den Nachkriegsjahren entscheidend durch die chronische Unterernährung, insbesondere den Eiweiß-und Fettmangel, geprägt. Entsprechend stieg auch in den Jahren 1945 bis 1948 die Zahl der Todesfälle sowie die Säuglingssterblichkeit beträchtlich an. Diese lag 1946 mit 9,5 v. H. aller Lebendgeborenen um mehr als 50 v. H. über der Zahl des Jahres 1938, um alsbald wieder schnell zurückzufallen.

Denn nun kam ja die Währungsreform, und mit einemmal fingen die Dinge wieder an, ineinander zu greifen ... Die bessere Ernährung und die Aussicht auf Erfolg gab den Menschen wieder Initiative zum Arbeiten. Wie nach einem warmen Mairegen kamen erst schüchtern und zaghaft, dann immer schneller die kostbarsten und gesuchtesten Arzneimittel zum Vorschein. Der Arzt war plötzlich auch wieder in der Lage, seine zerbrochenen Spritzen zu ergänzen und wichtige Instrumente zu beschaffen. Das alte Motorrad, der klapprige Wagen, der gerade im entscheidenden Augenblick nicht anspringen wollte, konnten durch neue, leistungsfähige Fahrzeuge ersetzt werden. So kam eines zum anderen.

Der Erfolg? Nun, natürlich fallen nicht alle Krankheitskurven schlagartig ab. Es gibt sogar einige, deren Zahlen im Gegenteil ansteigen. Hierher gehört beispielsweise der Scharlach, von dem bekannt ist, daß er in Not- und Mangelzeiten sehr viel seltener als in solchen reichlicher Ernährung auftritt. (Bezeichnenderweise ist Scharlach in der sowjetischen Besatzungszone auch heute noch selten.) Hierher gehören aber auch viele Stoffwechselkrankheiten, u. a. die Zuckerkrankheit, sowie Affektionen des Leber- und Gallensystems und des Kreislaufsystems. Auch hierfür ist – letzten Endes – die Währungsreform verantwortlich ... wenn man nicht das Maßhalten, wie es vernünftigerweise zu verlangen ist, der Sphäre der Einzelpersönlichkeit zurechnet. Diese Verantwortung kann eben niemandem abgenommen werden, und das ist gut so. ... ter