Auf dem Photo, das in der Sowjetpresse von der Trauerkundgebung für Stalin verbreitet wurde, steht ganz rechts auf der Tribüne des Mausoleums Leonid Georgijewitsch Meljnikow, der starke Mann der Ukraine, ein typischer Apparatmensch der mittleren Generation. Er verdankte seinen Aufstieg seinen guten Beziehungen zum Moskauer Parteisekretariat. Vor allem hatte er sich um die Sowjetisierung des annektierten Ostgaliziens verdient gemacht. Anfang April vorigen Jahres erschien in der Prawda ein Artikel von ihm gegen „nationalistische Abweichungen“ in der Ukraine, in dem er ein Programm engerer kultureller Verbindung zwischen Ukrainern und Russen entwarf. In seiner Rede auf dem Moskauer Parteitag berief er sich ständig auf Stalin und Malenkow. Diese Ergebenheit ist nicht unbelohnt geblieben: Meljnikow wurde Mitglied des sowjetischen Parteipräsidiums. Im März mußte er zwar aus dem bedeutend verkleinerten Gremium ausscheiden, wurde aber einer seiner vier Kandidaten. Er nahm jetzt den Platz Nr. 13 auf der Parteirangliste ein.

Mit den inneren Verhältnissen in den einzelnen Bundesrepubliken hat in erster Linie der Innenminister der Sowjetunion zu tun. Berija unterstreicht in seinen Reden regelmäßig die Rechte der Nationalitäten. In seiner Heimat Georgien sind von ihm Funktionäre wieder eingesetzt worden, die „nationalistischer Abweichungen“ beschuldigt worden waren. Der zweite Fall ist die Ukraine. Meljnikow, so hören wir jetzt offiziell, hat in Ostgalizien „Russifizierung“ betrieben, „Ortsfremde“ in Schlüsselpositionen gebracht und bei der Kollektivierung „Mißbegriffe“ begangen. Natürlich hat er schon gestanden und ist seinen Posten als Erster Sekretär der Ukraine los.

Nach Ignatjew ist Meljnikow der zweite hohe Parteimann, der nach dem Tode Stalins stürzt. Das ist ein Beweis für den Fortbestand der Spannungen im Führerkollektiv. H. L.