Am frühen Vormittag des 21. Juni 1948 fuhren aus den Toren vieler Fabriken hochbeladene Fahrzeuge zu den leerstehenden Läden des Einzelhandels. Die Industrieunternehmen brauchten jetzt viel Geld, um beim Start mit im Rennen zu liegen. Das Geld aber hatte, neben den Festbesoldeten, die große Masse der Industriearbeiter, die die Kopfquoten völlig in Gebrauchsgütern anlegte, da ihnen die Lohntüte ja schon wenige Tage später wieder in die Hand gedrückt wurde. So stieß in den ersten Wochen nach der Währungsumstellung ein bescheidenes – damals aber überwältigend erscheinendes – Angebot von Konsumartikeln allerorts auf eine relativ rege, zahlungskräftige Nachfrage. Mit diesen Umsätzen wurde das erste echte Umlaufvermögen der Wirtschaft geschaffen, das alsbald wieder selber als Nachfrage auftrat. Diese Nachfrage aber konnte nicht voll befriedigt werden, weil die Lager der Wirtschaft nahezu leer waren. Der Verkäufer blieb so noch weiterhin Herr des Marktes und er (oder, wie man wohl besser sagen sollte: die Nachfrage) bestimmte die Preise, die nun schnell zu steigen begannen.

Das war eigentlich ein selbstverständlicher Vorgang. Denn die Löhne wurden auf dem Vorkriegsstand, auf den sie der Lohnstopp fixiert hatte, gehalten, während die Leistung je Kopf des einzelnen Arbeiters weit unter Vorkriegsstand lag. Eine große Nachfrage stand also einem viel zu geringen Angebot gegenüber. Wenn damals die Wirtschaft nicht aus den Fugen geriet, so nur, weil die DM-Gegenwerte für die bei Devisenstundung eingeführten Rohstoffe und Erneuerungsgüter „stillgelegt“ wurden und somit die Nachfrage nicht weiter vermehrten. Trotzdem aber waren, vor allem in den ersten Monaten nach der Währungsumstellung, die Preisauftriebstendenzen recht stark, so daß man nicht wagen konnte, die „freie Marktwirtschaft“ auch auf dem Gebiete der Grundstoffe einzuführen. Das hat seinetief einschneidenden Wirkungen auf die deutsche Wirtschaft gezeitigt, die auch heute, fünf Jahre später, nicht ganz beseitigt sind.

Es standen von nun an zwei Berichte, die der freien und die der gebundenen Preise, nebeneinander. Eine freie Marktwirtschaft gab es mit Ausnahme der Grundernährungsmittel vor allem für die Konsumgüter. Das hat hier einen Boom hervorgerufen, der zu einem breiteren Angebot von immer besseren Waren, aber auch zu einer schnell wachsenden Nachfrage führte. Immer mehr Menschen wurden in die sich entfaltende Wirtschaft eingegliedert und kamen so zu frei verfügbaren Einkommen, die schnell den Weg in die Läden fanden. Es wurde in der Konsumgüterbranche recht gut verdient. Hier bildeten sich – abseits der Gegenwertmittel – die ersten bedeutenden Investitionsmittel damals noch steuerlich geschont, so daß in kurzer Zeit viele Erzeugerbetriebe wieder instand gesetzt oder modernisiert werden konnten. Unterstützt wurde dieser Vorgang durch eine laufende kräftige Kreditschöpfung der Geschäftsbanken.

Rückschauend wird man feststellen müssen, daß erst durch diese Bevorzugung der Konsumgüterwirtschaft die soziale Marktwirtschaft fest begründet wurde. Nur so ist es gelungen, die breiten Massen der bis zu diesem Tage stark verarmten und mutlos gewordenen Bevölkerung wieder zuversichtlich zu machen und ihnen den Glauben an eine verkünftige Wirtschaftsordnung zurückzugeben. Damals wurde die sozialistische Planwirtschaft zuGrabe getragen, und zwar im gleichen Maße, wie die Lebensmittelkarten verschwanden und der schwarze Markt für Konsumwaren austrocknete – weil ja die Waren, die bisher unter der Hand zu hohen und höchsten Preisen angeboten wurden, wieder in den Schaufenstern erschienen. Eine Voraussetzung hierfür war die Wiederingangsetzung eines deutschen Außenhandels. Über die Auslandshilfe kamen ja nur Grundernährungsgüter und die wichtigsten industriellen Rohstoffe herein. Was fehlte, waren Spezialitäten, die eine Wirtschaft erst zur Reife kommen lassen. Alle Anstrengungen dienten deshalb von Anfang an dem Wiederaufbau des Außenhandels – was gleichbedeutend war mit einem Abbau der vielfältigen Exporthemmnisse und der Einführung eines individuellen Geschäftes. Die „Jeia-Zeit“ wurde überwunden...

Der erfreulichen schnellen Entwicklung bei den Konsumgütern standen, da nun einmal alles in der Welt bezahlt werden muß, Hemmungen im Bereich der gebundenen Preise gegenüber. Hier kam es zu Engpässen mit ihren bekannten Begleiterscheinungen, wie schwarzer und grauer Markt, Kapitallenkung und dergleichen. Während nun der schwarze Markt bei Konsumwaren eine Tummelwelt krimineller Elemente war, wurde er bei den Grundstoffen zu einer durchaus honorigen Angelegenheit, an der sich seriöse Unternehmen, ja selbst die öffentliche Hand – so die Forstverwaltung – beteiligten. Niemand machte zum Beispiel im Jahre 1950 einen Hehl daraus, daß er „schwarz“ Kohle kaufte und mit ihr seinen Betrieb aufrechterhielt. Freundlicherweise nannte man dies dann auch einen „grauen Markt“. Ihn zu überwinden, das heißt, die Produktionsengpässe auszuweiten, erwies sich als recht schwer, da. hierfür sehr große Investitionsmittel notwendig waren. Diese aber standen nicht zur Verfügung, weil die Ersparnisse der Bevölkerung und die Gewinne der Wirtschaft zuerst einmal in die Selbstfinanzierung – vom Küchentopf angefangen bis zur fertigen Fabrik – wanderten. Alle Versuche, den Kapitalmarkt zu aktivieren, erwiesen sich als Fehlschläge, da die steuerliche Belastung der Zinserträge viel zu hoch war. Die einzige Quelle für Fremdfinanzierungen waren die öffentlichen Kassen und die Gegenwerte. Die über die Auslandshilfe imponierten Güter, vor allem Getreide, Zucker, Tabak, Baumwolle usw. – also alles Grundstoffe, die durch die US-Regierung in jahrelangen Stützungskäufen angehäuft waren –, wurden in Deutschland gegen DM verkauft. Es bildeten sich so große Harte an stillgelegtem Geld, was in den ersten Monaten, wie schon gesagt, der Währung einen Halt gab. Nach einiger Zeit aber schon ergab sich die Notwendigkeit, diese Gelder in die Investitionsfinanzierung vorsichtig „einzuschleusen“. Es wurde die Kreditanstalt für Wiederaufbau geschaffen. Bis Ende 1949 hatte sie rund 400 Mill. DM an Auslandskrediten zum Ausbau und Wiederaufbau (vor allem des Bergbaus und der Elektrizitätswerke) ausgezahlt. Im Jahre 1950 waren es bereits 2777 Mill. (hiervon 2195 Mill. Auslandskredite), damit wurden die Fundamente der immer noch sehr labilen deutschen Wirtschaft erheblich gefestigt.

Als weitere Großfinanzierungsquelle erwies sich die öffentliche Hand, bei der sich an einzelnen Stellen erhebliche Mittel konzentrierten. Das war nicht nur die Folge der reichlichen Dotierung mit D-Mark bei der „Erstausstattung“ und nicht nur die Folge eines von Anfang an zu hohen Steuerdruckes, sondern resultierte auch daraus, daß bei dem vorläufigen Ausfall einer zentralen Finanzverwaltung (und damit eines Finanzausgleichs) die Steuern dem Lande zufielen, in dem sie „zufällig“ erhoben wurden. Nutznießer waren damals vor allem das Land Nordrhein -Westfalen und die Hansestädte, die einen Löwenanteil von den Verbrauchssteuern und Zöllen einheimsten. So standen in den ersten Jahren den „reichen Ländern“ die „Habenichtse“ gegenüber–,was auch dazu geführt hat, neben anderen Faktoren (unterschiedliche Belastung mit Flüchtlingen, verschiedenartige Wirtschaftspolitik der Besatzungsmächte), daß der Wiederaufbau in den verschiedenen Ländern in einem recht ungleichmäßigen Tempo geschah.

Die ersten Monate und Jahre nach der Währungsumstellung waren von einer enormen Dynamik – waren aber auch von einer nicht minder großen Spannung geladen. Als Motor erwies sich der ungebrochene Lebens- und Wiederaufbauwille des deutschen Volkes. Dazu kam, daß die aus den Fugen geratenen alten Ordnungen nun – nachdem die Mauern niedergelegt waren, die die Besatzungsbehörden innerhalb des deutschen Volkes aufgerichtet hatten – wieder in ihre natürliche Ruhelage zurückstrebten.

Das alles geschah nicht ohne dramatische Höhepunkte. Wer heute in die Archive der damaligen Tage schaut, stößt auf viele Schlagworte, Warnungen und Prophezeiungen, die uns heute „eigentlich“ nichts mehr sagen. Kein Argument ist dabei so häufig gebraucht worden, wie das der (angeblich nun unvermeidbaren)„neuen Inflation die kommen müsse, wenn man dies-oder jenes tue oder eine bestimmte Maßnahme unterlasse. Das Gespenst einer zweiten Währungsreform hat dazu dienen müssen, die öffentliche Meinung jahrelang unter Druck zu halten. Man malte die Gefahr schwerster sozialer Spannungen an die Wand und – forderte die Rückkehr in den sicheren Hafen einer „geordneten“ Planwirtschaft. Wenn durch alle diese Wirrnisse der Meinungen und politischen Forderungen hindurch die Deutsche Mark immer härter und stärker wurde, wenn ihr innerer Wert – auch nach der Koreakrise sehr bald wieder–stieg, weil man für sie, als die Verkäufermärkte in Käufermärkte umschlugen, bessere und billigere Ware kaufen konnte, und wenn sie schließlich im Auslande zu einer angesehenen Währung wurde, so ist dies im Grunde auf zwei hartnäckig verteidigte Prinzipien zurückzuführen: den Willen, zu, einer ständig fortschreitenden Liberalisierung (im In- und Auslande) zu kommen, und zum anderen, das Geld nicht politisch mißbrauchen zu lassen, es zu einem „neutralen“ und voll funktionsfähigen Zahlungsmittel zu gestalten. Waldemar Ringleb