Im Strandkorb kann man dösen, oder den Blick in Meeres- und Dauerwellen versenken, oder lesen. – Daheim am Schreibtisch liest man vielleicht die „Brüder Karamasoff“ oder den „Mann ohne Eigenschaften“. Bücher, schwer an Gewicht, schwer an Gehalt. Bücher, die in keiner Bademanteltasche Platz finden und die man ihren Besitzern ohne Sonnenölflecken zurückgeben muß.

Was aber liest man im Strandkorb? Jedenfalls keine Bücher, die strenge Konzentration erfordern. Da aber die Gedanken bisweilen den ziehenden Wolken in unendliche Ferne folgen, da aber der Mensch hier für Stunden und Tage Muße hat, nur Mensch zu sein, – darum sollte ein Strandkorbbuch nicht unbedingt ein „Reißer“ sein (freilich darf es spannend sein), auch nicht unbedingt ein Liebesroman (aber es darf von Liebe handeln), und erst recht nicht ein „Lache-dich-tot“-Buch (wiewohl es ein Schmunzeln erwecken sollte). Ein gutes Strandkorbbuch wäre:

Peter Fleming: Die sechste Kolonne. (Deutsch von Arno Schmidt. Rororo Taschenbuchausgabe.)

Mit Hilfe prominenter englischer Persönlichkeiten, die sich in einer Liga der „Friedensfreunde“ zusammengeschlossen haben, soll der englische Nationalcharakter ausgehöhlt werden, indem Reformen vereitelt, der Bürokratismus verbreitert, jeder Unternehmungsgeist durch gußeiserne Vorschriften ertötet wird. Vor allem aber soll sich der Bevölkerung ein Gefühl vollkommener Sicherheit bemächtigen und so die Wachsamkeit erlahmen. Um dieses Ziel zu erreichen, gaukelt man der englischen Öffentlichkeit die Existenz einer russischen Untergrundbewegung vor, die darauf aus ist, nach Stalins Tod die Macht zu erringen, um nun zu einem friedlichen Ausgleich mit dem Westen zu kommen. „Denn die Engländer“, so sagt Gluterow, ein sowjetischer Literat, der in diesem Spiel die Rolle des Renegaten übernommen hat, „glauben immer gern, daß es in jedem totalitären Staat eine große Partei der sogenannten Gemäßigten gibt. Das haben sie von Nazideutschland geglaubt; sie haben es in den dreißiger Jahren von Japan geglaubt. Und dieser Wunschtraum hält sie sehr oft davon ab, Dinge zu sagen oder zu unternehmen, von denen sie glauben, daß sie die Gemäßigter verärgern und den Radikalen in die Arme treiben könnten. Sie halten sie nämlich im Grunde für wohlgesinnte, friedliebende und vor allem durchaus englandfreundliche Gemüter.“

Aber dieser Versuch scheitert. Der Versuch Flemings jedoch zu zeigen, daß Vertrauensseligkeit, Zaghaftigkeit, Langmut und Bequemlichkeit die besten Helfershelfer, ihre „sechste Kolonne“, der Sowjets sind, gelingt ihm überzeugend. Um so mehr, als er sich meisterhaft der Satire bedient, es auf jeder Seite von boshaften, amüsanten Apercus glitzert und funkelt. – So wird an-einer Stelle vom Innenminister gesagt: „Er war sonst sehr populär, weil er, obwohl ein ausgesprochener Trottel, früher viel mit dem Zoo zu tun gehabt hatte“, – der ganze Roman von jener echt englischen, unnachahmlichen ironischen Nonchalance durchwoben ist und er überdies spannend bis zur letzten Seite bleibt. – Der Satire bedient sich auch ein anderer Engländer:

Christopher Isherwood: Praterveilchen. Roman. (Deutsch von Hansi Bochow-Blüthgen. Rororo Taschenbuchausgabe.)

„Praterveilchen“ heißt ein Film, den ein Österreichischer Regisseur anfangs der dreißiger Jahre in London drehte und dessen Entstehen der Roman schildert. Die Arbeit an diesem Film wird zum Gleichnis für die Katastrophe, die drohend am europäischen Horizont heraufzieht. Wie Fleming geißelt Isherwood mit beißender Ironie den Gleichmut und die Wurschtigkeit jener, die, heute wie damals, den Arm vor die Augen halten, statt sich zu wappnen. In der Figur des Regisseurs Bergmann gelingt es Isherwood, eine Persönlichkeit zu zeichnen, deren tragischem Geschick sich der Leser nur schwer entziehen kann. Obgleich in leichtem Plauderton gehalten, finden sich in diesem Buch Passagen von dichterischer Kraft und Tiefe ihr Leitmotiv ist der Abgesang auf das alte Österreich, das hier für Europa steht. – Etwas von der schmerzlichen Resignation dieses Romans haftet auch dem nächsten Buch an: