Es gibt Worte, die durch das tausendjährige Reich so in Mißkredit gebracht worden sind, daß man sie am besten heute nicht mehr gebraucht. Es stellen sich sonst Assoziationen ein, die nicht beabsichtigt sind. Doch fürchte ich, daß ich bei der Beschreibung von Thomas Manns Besuch in Hamburg ohne das Wort „spontan“ nicht auskomme: Mit spontaner Begeisterung wurde der große Schriftsteller begrüßt, spontan erhoben sich die Menschen in der Hamburger Musikhalle von den Plätzen, als der 78jährige, von dem Freunde sagen, daß er in den letzten 20 Jahren nicht-mehr gealtert sei, das Podium betrat; zwar schrieb die Berichterstatterin der Hamburger Zeitung „Die Welt“, eine Bekannte von ihr sei nicht freiwillig aufgestanden, sondern ihr Hintermann habe sie durch rücksichtsloses Anstoßen dazu gezwungen – doch passen solche gelegentlichen Zwangsmaßnahmen ja genau in Vorgänge, die sich mit „spontanem“ Affekt vollziehen ...

Dieser Mann dort oben auf dem Podium, behaftet mit den höchsten literarischen und geistigen Ehrungen, die die Welt zu vergeben hat, dir sich jetzt setzt und mit höflich vorgeneigtem Kopf die Begrüßungsworte des Literarhistorikers der Universität Hamburg anhört – dieser Mann in seinem zurückhaltenden dunklen Anzug könnte auch ein Lübecker Senator sein. Wenn man in sein Büro käme, wüßte man: er wird unsere Bitte mit Geduld, doch nicht ohne Ironie anhören. Obwohl wir glauben, daß unser Leben (oder mindestens doch das Gedeihen unseres Geschäftes) davon abhängt, ob der Herr Senator gnädig gestimmt ist, werden wir hinterher nicht wissen, ob er überhaupt gestimmt war. Er hat unsere Bitte verstanden – gewiß, er hat ja genickt; aber haben wir ihn nicht eigentlich gelangweilt? Er war nicht hastig, o nein, er hatte Zeit, beinahe verdächtig viel Zeit...

Genug – er ist kein Lübecker Senator. Er ist der Schriftsteller Thomas Mann, der an diesem Abend ein Kapitel seines Romans „Aus den Memoiren des Hochstaplers Felix Krull“ las, ein Werk, von dem er sagte, daß er es vor vielen Jahren begonnen habe und nicht wisse, wann er es vollenden werde. Das Kapitel erzählt von der Fahrt des jungen Hochstaplers von Paris nach Lissabon: im Speisewagen trifft er, der als luxemburgischer Adliger reist, auf einen Herrn namens Kuckuck, der sich als der Direktor des Botanischen Gartens in Lissabon vorstellt. Krull gerät mit dem Kauz in ein Gespräch über vorsintflutliche Tiere, über den Anfang von Himmel und Erde, über Raum und Zeit... Zuerst glaubt der Zuhörer, es handele sich um eine der üblichen metaphysischen Passagen im Roman, wobei der philosophische Wortschatz in diesem Fall den Werken Kants, Hegels und Haeckels entnommen sei. Dann aber sieht er, daß die skurrile Figur des Kuckuck dem Paläontologen Edgar Dacque ähnelt; Dacqué war in den zwanziger Jahren Ordinarius an der Münchener Universität und durch seinen Anti-Darwinismus bekannt. Er verkehrte im Hause Thomas Manns. – Gemildert aber wird die hier vorgetragene Metaphysik durch den ironischen Stil Manns, der ihn aufs tiefste der deutschen Romantik verpflichtet: wie denn überhaupt die Art und Weise seines Schreibens von den „Buddenbrooks“ bis zum „Felix Krull“ ohne die Brüder Schlegel nicht denkbar wäre.

Doch ist nicht die Ironie allein das Wesentliche seines Stils. Gerade als er jetzt vorlas, merkte man wieder: dieser Stil ist nicht nur in der deutschen Romantik, sondern ebensosehr in der – lateinischen Grammatik begründet. Thomas Mann schreibt genau den Stil, den jeder humanistisch-liberale deutsche akademische Bürger um die Jahrhundertwende geschrieben hätte – wenn jeder Bürger ein großer Schriftsteller gewesen wäre. Und daraus wird wieder zweierlei klar: wie leicht dieser Schriftsteller trotz seines scheinbar schwierigen Stils zu verstehen und zu übersetzen ist und: daß vielleicht heute nur noch er in der Lage ist, gewisse Dinge auszusagen – zum Beispiel das Zauberhafte in der Hochstapelei oder die Skurrilität einer zur Weltdeutung erhobenen Paläontologie – während sein glänzender Stil versagen würde vor der nüchternen Beschreibung einer einzigen alltäglichen Wirklichkeit von heute.

So wäre denn alles gut und schön gewesen um den Besuch Thomas Manns – mit Ausnahme eben jener Spontanität, die zu Beginn geschildert wurde. Umgeschlagene Ressentiments tauchen leicht als neu- – rotische Devotionen wieder auf: der Beifall für Thomas Mann, die Aufsätze, die seine Heimkehr feierten, waren nicht frei davon. Vielleicht hat er selbst das deutlich gemerkt, vielleicht hat es ihn am meisten geniert. Alle Ehrungen waren eine Spur zu deutlich, mit penetranter Herzlichkeit, die er nicht verdient hatte. Denn über seine Fehler haben wir nicht zu richten. Unsere Fehler aber haben wir nicht vor ihm zu verantworten (das wäre zu einfach), sondern vor den Opfern unserer Fehler und vor uns selbst.

Er weiß es, denn sonst wäre er ja nicht wieder nach Deutschland gekommen. p. h.