Aus vier Komponenten formte sich das geistige Profil von Emil Preetorius, der die Öffentlichkeit durch die Mitteilung überrascht, daß er ein Siebziger sei. Gewiß, wenn man nachrechnet, hat er längst Geschichte gemacht. Da legt die Bayerische Staatsoper soeben ihren Prospekt für die Münchner Festspiele 1953 auf den Tisch. Auf vornehm gedämpftem Blau erkennt man in der weiß gezeichneten Schrift die Kalligraphie des Graphikers Preetorius. Noch seine privaten Korrespondenzkarten, auch die eiligste Nachricht mit Bleistift, sind kleine Kunstwerke der Schriftformung, die man unwillkürlich sammelt. Als Lebensleistung, die fruchtbar wurde, liegt das eigentlich aber Jahrzehnte zurück. Für Plakate, die in ganz Deutschland, vor allem im Ausland durch Gediegenheit werben sollen, bittet man zwar auch heute zuweilen Preetorius um Entwürfe, die dann das Signum der Altmeisterlichkeit tragen. Eine Umwälzung aber leitete der Zeichner Preetorius ein, als er, der Sproß aus Mainzer Bildungsbürgertum, naturwissenschaftliche Studien, eine juristische Dissertation über Eherecht und das Referendarexamen im Fundus, plötzlich 1907 mit Illustrationen zu Chamissos „Peter Schlemihl“ hervortrat. Das war die Geburt eines neuen Buchtyps: die Illustration nicht als beliebiger Textzusatz, sondern als Glied und Überhöhung des Sprachwerks. Daudet, Jean Paul und Eichendorff stellten weitere Themen für eine heute selbstverständlich gewordene Art des zeichnerischen Buchschmucks.

Heute kommt der Siebzigjährige nicht ohne Flugzeug aus. „Lohengrin“ in Mailand, „Fidelio“ in München, „Tannhäuser“ in Stockholm, „Freischütz“ in Amsterdam – da knaxen bei einem Verkehrsunfall einige Rippen, aber auch mit Schmerzen muß er sich nach Rom schleppen, wo der „Ring“ auf ihn wartet. Wien warb bei dem Neunundsechzigjährigen um einen Dauervertrag als Bühnenbildner der Staatsoper. In den Berliner Festwochen dieses Jahres schließt sich seine abermalige Neuausstattung des „Ring?“ mit der „Götterdämmerung“.

Der Bühnenbildner Preetorius ist eine Entdeckung Bruno Walters. Er überredete den schon berühmten Zeichner, ihm Szenenentwürfe zunächst für München, dann in Berlin zu machen. Hier fand Preetorius den kongenialen Regisseur, von dessen revolutionierender Konzeption der Opernszene, besonders im Musikdrama, dieser Bühnenbildner nun nicht mehr wegzudenken ist: Heinz Tietjen. Aufschlußreich, daß auch Tietjen ursprünglich wie Bruno Walter Dirigent war. Von Preetorius ist nicht bekannt, daß er jemals Schauspiele ausgestattet habe. Über die zwischen Musik und szenischem Bildnertum bestehende Affinität schrieb er selbst: „Shakespeare läßt sich zur Not vor ein paar Vorhängen spielen, wenn nur gut gespielt wird, Mozart aber nicht; Tasso, Iphigenie und Faust brauchen nicht viel Szenerie, wohl aber Fidelio, Freischütz und Ring. Denn Farben-, Form- und Raumeindrücke, wie sie wohl auch die Musik vermittelt, gerinnen nicht zum Bild-Konkreten, sind nicht verhaftet dem Anschaulich-Abgegrenzten, sie gehören einer anderen Sphäre an; als es die sichtbare Umwelt ist. So muß diese Welt mit aller einprägsamen Deutlichkeit gegeben werden, damit sie die tönende, über alle Grenzen und Maße hinausschwingende fasse, halte und ergänze.“

Solche von der Illustration zur Substanzverdichtung vorstoßende Auffassung des Bühnenbildes mußte Preetorius zur Auseinandersetzung mit der Wagnerszene als einer zentralen Aufgabe führen; denn „das szenische Bild ist für Wagner von höchster, ja geradezu entscheidender Bedeutung“. Als „Kernproblem der Wagnerszene“ erkannte er die Synthese zwischen einem visionären, „Traumesraum“ von überzeitlicher Sinnbildhaftigkeit und einer „gewissen Naturnähe, die keineswegs im geistlosen Sinne naturalistisch sein muß“. Als Preetorius 1931 zum Ausstattungsleiter der Bayreuther Festspiele berufen wurde, wandte sich, aggressiv bis zur Schmähschrift, gegen seine großzügig aussparende Symbolisierung der „Urbilder ewiger Lebensmächte“ eine uralt-bayreuther Orthodoxie. Nachdem in einem Jahrzehnt gemeinsamer Tätigkeit mit Tietjen dieser Bayreuther Stil Weltgeltung errungen hat, steht Preetorius abermals in der Verteidigung. In seiner grundlegenden Schrift „Wagner, Bild und Vision“ heißt es: „Und doch darf man nicht beliebig vereinfachen, stilisieren, nicht ins bloß Andeutungshafte abgleiten oder gar ins Abstrakte geraten, sondern muß immer wieder verbleiben auf dem festen Boden der Naturnähe und durchgebildeten Faßbarkeit.“

Für eine andersartige, den beschränkten Bühnenverhältnissen in Deutschland entgegenkommende Neuformung der Wagnerszene gibt es hier und da stilistisch diskutable Ansätze. Ihr Kriterium ist der Grad ihrer bildnerischen Qualität. Diesem Begriff ist in einem Volk, das lieber fühlt und denkt als schlicht zu sehen, schwer die notwendige Anerkennung zu verschaffen. Um so mehr hat sich Preetorius als Kunsttheoretiker in Essays, Vorträgen und Büchern bemüht, auf dem Wege über das Denken die reine Anschauung zu fördern. Seine Betrachtung postuliert „die schöpferische, ästhetische Auseinandersetzung des Menschen mit der Sichtbarkeit der Welt als eine Erkenntnis eigener Gesetzlichkeit, einer nicht begriffs-, sondern bildlogischen Struktur.“

Auf den Instinkt für Qualität gründet sich die vierte Komponente in der weit aufgefächerten Lebensleistung von Emil Preetorius: sein Verhältnis zur Kunst Ostasiens. Daß er nicht nur in Europa einen außerordentlichen Ruf als Sammler genießt, daß er in Deutschland der Gesellschaft für asiatische Kunst und Kultur vorsteht, aber auch als Experte von den Regierungen Chinas und Japans anerkannt wurde, das ist ein Triumph seiner Kunsttheorie: der Beweis unmittelbaren Zugangs zur künstlerischen Essenz aller menschlichen Kulturen. Und wenn Emil Preetorius kurz vor seinem 70. Geburtstag nun auch das Präsidentenamt der Bayerischen Akademie der’schönen Künste übernahm, so steht der Siebzigjährige auch auf hoher Warte zum Dienen bereit wie immer: ein Herold des Geistes und der Qualität. Johannes Jacobi