Was hat denn nun eigentlich, nach dem Start der D-Mark, so unendlich viel Verbitterung geschaffen, daß darüber das zunächst allgemein verbreitete spontane Empfinden einer ehrlichen, dankbaren Freude über das „richtige Geld“ und über das jetzt allenthalben wieder spürbare wirtschaftliche Leistungsstreben zeitweilig fast ins Gegenteil verkehrt wurde? – Drei Punkte sind da aufzuzählen. Zunächst dem zeitlichen Verlauf nach, die Anrechnung der Kopfgeldquote auf die (Spar-)Guthaben – oder vielmehr die Tatsache, daß jeder unterschiedslos zunächst 40 und dann weiter 20 DM als „Kopfgeld“ erhielt. Wobei aber für den Sparsamen der Umtausch von RM in DM noch nicht einmal (wie angekündigt!) im Verhältnis 100 : 10, sondern zunächst 100 : 5 und endgültig 100 : 6,5 erfolgte, während der weniger Sparsame die Quote 1 : 1 erhielt, und der Leichtsinnige sein Kopfgeld sogar auch dann, wenn er keine RM einzuwechseln hatte. Natürlich wäre es viel besser gewesen, die Nachzahlung auf das Kopfgeld in Höhe von 20 DM zu Anfang Juli nicht in bar vorzunehmen, und diese Beträge statt dessen bis auf weiteres auf. einem Sperrkonto zu belassen – nachdem sich herausgestellt hatte, daß bereits zu viel Geld im Umlauf war und sich (preissteigernd) als Übernachfrage geltend machte. Nun: die Frankfurter Politiker, Herr Pünder an der Spitze, wollten es anders; sie bestanden darauf, daß „Zusagen gehalten werden müßten“, aus Gründen des Vertrauens zur Obrigkeit – und sie zerstörten damit beinahe (denn die Dinge standen damals wirklich, wie wir in der „ZEIT“ schrieben, „auf des Messers Schneide“!) das weit wichtigere Vertrauen in die neue Währung ... Daß die so störende, gleichfalls vertrauensschädigende „krumme“ Umstellungsquote 100 : 6,5 für Barguthaben festgesetzt wurde, in Abweichung von der angekündigten und sonst „allgemein“ geltenden Relation 10 : 1, wäre bei einer entsprechenden Sperrkonten-Regelung gleichfalls möglich gewesen; die Schuld daran, daß man die bessere Lösung beiseiteschob und die schlechtere wählte, trifft hier die französischen Besatzungsbehörden.

Dagegen sind die Besatzungsmächte nun wiederum ohne Schuld, was die Anrechnung der Kopfquote auf die (Spar-)Guthaben angeht. So haben die „drei Weisen“ entschieden, die diesmal aber nicht Dodge, Colm und Tennenbaum hießen, sondern Blücher, Pferdmenges und Kriedemann. Vor die Alternative gestellt: „Hohe Kopfquote mit Anrechnung oder niedrige Kopfquote ohne ...“, haben sie die Lösung gewählt, die einige Millionen Menschen zu dem (inzwischen Gott sei Dank vergessenen) Schwur veranlaßt hat: „Nun aber nie wieder sparen!“ Auch hier rächte sich das falsche „soziale“ Sentiment („...man kann doch die armen Leute nicht ohne Geld lassen!“) ebenso wie die mangelnde Kenntnis der Vorgänge, die sich bei vorangegangenen ähnlichen Währungssanierungen in den Nachbarländern (Holland ist da vor allem zu nennen) bei einer vernünftigeren Umtauschregelung recht glatt abgespielt hatten.

Die beiden anderen Momente, die in der Folgezeit die D-Mark diskreditierten, sind nur im Zusammenhang zu nennen. Da war einmal die Klage über die „Teuerung“, das schnelle Ansteigen eigentlich aller nicht mehr gebundenen Preise (und Löhne!) bereits im Sommer und Herbst 1948: bis dann die „deflationär“ gescholtenen Kreditrestriktionen, noch rechtzeitig von der Bank deutscher Länder verfügt, die Bewegung glücklich abbremste. Und da war, ebenso verbreitet, wie die Klagen erst über den allgemeinen Preisanstieg und dann über die „erzwungene“ Geldknappheit, weiterhin das Lamento der „Währungsgeschädigten“. Eine seltsame Unlogik! Wäre nämlich die Umstellung von RM zu DM nicht so radikal erfolgt, hätte der „Geldschnitt“ die RM-Guthaben nicht bis auf einen kleinen Rest zurückgeführt, so hätte ja die dann verbliebene „Kaufkraft“ – zu den laufend zugleich mit der Erarbeitung des Sozialprodukts (und genau in dessen Höhe) entstehenden Kaufansprüchen noch hinzutretend – eine ständige Übernachfrage hervorgerufen, also die Preise noch viel stärker ansteigen lassen! Schließlich sagt doch schon eine verhältnismäßig einfache Überlegung, daß Änderungen der Währungsgrundlagen allein keine echten wirtschaftlichen Werte „zerstören“ können. Denn wenn das zu machen wäre, so müßte ja auch, nur in einem umgekehrten Prozeß, die Schaffung echter Werte „mit einem Federstrich“ sich ermöglichen lassen ... Jeder weiß, daß dergleichen nicht zu verwirklichen ist, und doch glaubt fast jeder daran, daß er das Gegenteil erlebt und am eigenen Banckonto erlitten habe... Erwin Topf