Von Walter Abendroth

In der Meinung und Schätzung der deutschen Literaturfreunde gibt es zwei Dichter des Namens Christian Morgenstern; Der eine ist der Verfasser der „Galgenlieder“, des „Palmström“, der „Palma Kunkel“ und des „Gingganz“, – der andere ist der Autor vieler stimmungsvoller und gedankenschwerer Gedichte, vor allem der Sammlung „Wir fanden einen Pfad“, und der „Stufen“. Mancher sich redlich Bemühende kann diese beiden Morgensterne nicht auf einen Nenner bringen, obwohl er weiß, daß es sich um ein und denselben Menschen handelt. Mancher wieder preist den Galgendichter als geniales Unikum, während er den seriösen Meditierer und Hymniker für „schwächer“ hält. Mancher endlich sieht es umgekehrt: er verehrt in dem „ernsten“ Morgenstern einen dichterischen Propheten, und läßt es diesem mit einer gewissen gutmütigen Duldsamkeit durchgehen, daß er „nebenbei“ sich auch allerlei versifizierte Allotria gestattet habe. Die Wahrheit ist, daß im allgemeinen sowohl die grotesken wie die „ernsten“ Gedichte Morgensterns nicht ganz richtig gesehen und verstanden werden; sonst könnte es nicht so schwer sein, ihre gemeinsame Wurzel und die Einheit ihres Ursprungs wie ihres Urhebers zu erkennen.

Diese Erkenntnis ist wesentlich leichter zu erwerben jetzt, da eine Dokumentensammlung vorliegt, die über Christian Morgensterns geistiges Leben durchaus eindeutigen Aufschluß gibt: „Christian Morgenstern, ein Leben in Briefen“, herausgegeben von Margareta Morgenstern, Insel-Verlag, 536 S., L., 20,– DM. Von Briefen, die der Achtzehnjährige 1889 schrieb, bis zu der letzten Nachricht drei Tage vor seinem Tode folgen sich hier die postalischen Mitteilungen und Bekenntnisse und ergeben in ihrer Gesamtheit ein fast lückenloses Entwicklungsbild.

Was den meisten Menschen das Verständnis der zwei Gesichter des einen Dichters so besonders erschwert, ist die übergroß erscheinende Abstandsspanne zwischen der Innerlichkeit, ja, Feierlichkeit seines Ernstes und der bizarren Verschrobenheit, bisweilen geradezu scheinbaren Albernheit seiner scherzhaften Einfälle. Es gibt sehr geistreiche Leute, selbst Meister des Humors und des Witzes in allen Schattierungen, die vor Morgenstern völlig versagen, ihm eigentlichen Witz schlechthin absprechen und seinen Humor verkrampft finden. Man hat sich einmal damit helfen wollen, daß man die Morgensternsche Groteskdichtung als „höheren Blödsinn“ qualifizierte; eine Etikettierung spezifisch bierbankphiliströser. Art, gegen die sich der Dichter auf das entschiedenste verwahrte. In der „Antwort an einen Redakteur“, die den betreffenden Passus enthält, gibt er indessen auch positive Hinweise: „Warum soll sich ein phantasiereicher Junge zum Beispiel nicht einen Indianerstamm erfinden samt allem Zubehör, also auch Sprache, Nationalhymne? Und warum soll künstlerischer Spieltrieb derlei nicht, zum Scherz, einmal wiederholen?“ „Erblicken Sie also keinerlei Raffinement in diesem Humor, noch umgekehrt, gänzlich unverantwortlich empfindende naive Künstlerjugendlaune.“ Jedenfalls bestärkt sich nach diesen Erklärungen, daß Morgensterns „Scherz“ nicht so sehr impulsiver, temperamentmäßiger, direkter, eben: „naiver“ Natur ist, als vielmehr intellektueller, in seinen besten und höchsten Augenblicken geistiger Herkunft. Das Mittel seiner Auswirkung ist stets ein Spielen mit Verstellungen, Begriffen und Worten, das auf eine sehr bezeichnende, nicht gewöhnliche Weise analytische Bewußtheit mit schöpferischer Intuition verbindet. Aber nicht einmal dieses Spielen ist naiv und zwecklos im Sinne der reinen Kunst. In der Annahme, daß es so sei, tauscht sich nämlich der Dichter über sein eigenes Wesen. Es steht vielmehr ein allgegenwärtiger Anlaß, eine über den blinden Kunsttrieb hinausreichende ständige geheime geistige Tendenz hinter seinem Spiel: das Suchen nach Unbekanntem in dem Bekannten, der Versuch, Geformtes umzuformen, verborgene Welten aus den gelockerten Ordnungen herauszuschütteln, die Elemente des Bestehenden zu neuen Erscheinungen erstehen zu lassen. Die Wachheit, mit der dieses Streben zwar nicht gewußt, aber gewollt wird, kennzeichnet die dabei betätigte Phantasie eher als eine entdeckerische, denn als eine erfinderische.

Solche intellektuelle Bewußtheit und geistige Zielstrebigkeit ist aber überhaupt das Merkmal Christian Morgensterns, und sie umfaßt sein wortkünstlerisches Bilden in jeder Ausdrucksrichtung. Auch wo er „dem Kind im Manne“ das Seine zu geben scheint, geschieht dies viel zu bewußt, um als Ausfluß ursprünglicher künstlerischer Naivität gewertet werden zu können. Immer kreisen die Formspiele seiner dichtenden Phantasie um das Wort und seine Hintergründe. In der Materie des Wortes sucht er immer das geistige Geheimnis. Was ihn lockt, ist stets eine Art Überraschung, die aber gewissermaßen dennoch vorausgewußt wird. Der Dichter Morgenstern ist darin mit dem Denker vollkommen identisch. Hat er in jungen Jahren, als er noch Ibsen und Strindberg übersetzte, als das Motto seines Lebens den Satz Oliver Cromwells erwählt: „Der kommt oft am weitesten, der nicht weiß, wohin er geht“, so kann man von diesem Motto aus auch einmal die Gedanken spielen lassen über den Lebenslauf, der, immer auf der Spur des Geheimnisses und in Erwartung der es einmal unvermutet offenbarenden Überraschung, den Dichter lange „Auf vielen Wegen“ herumführte, bis er endlich bekannte, „einen Pfad“ gefunden zu haben. Das Offenbarungserlebnis, die große Überraschung seines Daseins, war die Begegnung mit Rudolf Steiner. In jener Zeit hatte diese Begegnung wohl ihre unbedingte innere Logik. Auf der Suche nach „dem“ gültigen Weltbild war Morgenstern durch vielerlei religiöse, philosophische und geisteswissenschaftliche Länder gestreift. In Steiners „Anthroposophie“, jenem merkwürdigen eklektischen mixtum compositum von Weisheitslehren aus ägyptischen, persischen, indischen und christlichen Quellen, vermehrt um einen Extrakt aus Goethes naturwissenschaftlichem Denken und um die eigenen hellseherischen Erkenntnisse des Meisters, konnte Morgenstern die Fährten seiner bisherigen vielen Wege tatsächlich in einen Pfad zusammengelaufen sehen. Auf ihm leuchtet ihm wiederum das „Wort“ voran, das Wort der Steinerschen Verkündigung und dessen Urgrund, der endgültig gefunden geglaubte Logos.

Morgenstern ergreift ihn mit ungeheurer Entschiedenheit, und seine Argumente, einem Skeptiker gegenüber, bestechen abermals durch ihre Bewußtseinshelle: „Wenn die „Wissenschaft von heute‘ die ganze Weisheit der Menschheit darstellte, wäre es wahrhaftig zum Erbarmen, Und zum Erbarmen wäre es, wenn das, was Maeterlinck zum Beispiel als ‚strikten Beweis‘ fordert, das ganze und wahre Wesen des Beweises erschöpfte! Es ist sehr einfach von Herrn Maeterlinck, die Zigarette in der Hand, zu sagen: Beweise mir das doch! Wir können uns ja solange dort auf die Bank setzen. Aber es heißt etwa soviel, wie wenn ein Knabe, der nie russisch gelernt hat, zu einem Puschkin-Übersetzer sagt: Beweise mir in zwanzig Minuten die Richtigkeit und Wahrhaftigkeit dieser Übersetzung. Gesetzt, es wären auch zwanzig Stunden, und der Mann verdolmetschte dem Knaben Wort für Wort – wir bürgt diesem für die Wahrheit, wenn er doch selbst kein Wort russisch kann, wie kann ihm jener einen ‚strikten Beweis‘ geben, wenn der Knabe von der ganzen russischen Sprache und Literatur nichts kennt als die Worte Milch, Brot und Zeitung?“ – Greifbarer läßt sich kaum begründen, daß und warum auch die Anerkennung der Wissenschaft und ihrer Ergebnisse bis zu einem hohen Grade allgemein auf Glauben, mindestens auf Vertrauen angewiesen ist. Und Morgenstern hat es nicht leicht gehabt, seinen neuen Glauben zu verteidigen; vor allem seinem ältesten und nächsten Freunde Friedrich Kayssler gegenüber, der sich gar nicht darein finden konnte, den anderen mit einem Male einer nicht von ihm selbst errungenen Anschauungsweise sich vorbehaltlos anvertrauen zu sehen. Dabei konnte der kluge und feinsinnige Schauspieler nicht einmal wissen, was hingegen jedem Kenner der Anthroposophie, insbesondere der zyklischen Vorträge Rudolf Steiners, in die Augen springen mußte: daß die Gedanken der neuen Morgensternschen Lyrik weitgehend nicht mehr seine Originalgedanken waren, sondern in schöne, klingende Sprache übersetzte und in eine künstlerische Ausdruckssphäre gehobene metaphysische Mitteilungen „des Doktors“, wie Steiner im Kreise seiner Getreuen genannt wurde. Den rein, dichterischen Wert dieser Offenbarungslyrik braucht das nicht zu mindern. Auch braucht es keineswegs Aufgabe der eigenen Persönlichkeit zu bedeuten, wenn ein suchender Geist das Gesuchte bei einem anderen gefunden zu haben glaubt, und er diesen willig als den größeren verehrt. Und doch berührt es seltsam, wenn man nun auch in diesen Briefen die Anzeichen jener gewissen Uniformität, die jede geistige „Kreis“-Bildung mit sich bringt, bei einem Manne wiederfindet, dessen Stärke vordem unter allen Umständen die unzweifelhafte Originalität war. Da liest man denn, wie der Dichter plötzlich alle jene literarischen Erscheinungen für sich „entdeckte“, die unter Anthroposophen quasi obligatorisch waren, weil gewisse, teils innere, teils äußere Beziehungen sie der theosophisch-anthroposophischen Weltanschauung besonders wichtig machten: die „Hymnen an die Nacht“ von Novalis, der „Oberlin“ von Friedrich Lienhard, die Bücher Edouard Schures. Doch sei dem, wie es sei, eines bleibt unverkennbar: was Morgenstern in diesen seinen letzten Jahren vielleicht an allereigenstem Gepräge einbüßte, gewann er an Stetigkeit und Festigkeit der Richtungnahme auf nichts Geringeres als sein eigenes Erdenziel, das Ziel seiner Wanderung auf dem „physischen Plan“. Denn er war in dieser ganzen Epoche schon vom Tode gezeichnet. Und wenn auch in dieser Lage wieder sein Bewußtsein stärker ist als alle „naiven“, instinktiven Anwandlungen so zeigt sich darin eine solche menschliche Größe, eine solche Überlegenheit des Geistes über die Natur, daß es unwichtig ist, danach zu fragen, ob er – so eindrucksvoll sein Arbeiten an sich selbst auch schon von frühester Jugend an aus den Briefdokumenten ersichtlich wird – in dieses Format in jedem Falle allmählich hineingewachsen wäre, oder ob es ihm gleichsam „von außen“ angepaßt, von einem anderen geschenkt wurde.

Die Wahrheit wird in der Mitte liegen, auch in der „Mitte“ seines Wesens, das von Hause aus zur Hingabe angelegt war, wenngleich eben nicht wahllos und nicht so sehr vom Gefühl her wie von der Erkenntnis. Sofern diese eines „Beweises“ bedurfte, konnte er für Christian Morgenstern nur durch den humanitären Wert des Erkannten geliefert werden. Um den Menschen drehte sich alles in seinen Gedanken. Im Spiel wie im Ernst hatte sein Dichten und Denken stets den Zug zur Vermenschlichung aller Dinge. Darin lag letztens die Einheit seines Wesens und seines Lebens.