Santiago de Chile, Mitte Juni

Der europäische Industrielle, der sich bemüht, nordamerikanisches Privatkapital zu interessieren, begegnet dem Mißtrauen in die politische Sicherheit Europas. Unter den Gebieten, die weit vom Schuß weniger Risiken zu bieten scheinen, sollteSüdamerika mit an erster Stelle stehen.

Es liegt auf der Hand, daß die ehrgeizigen Pläne südamerikanischer Länder, gleichzeitig ihre Rohstoffausbeute zu modernisieren und durch breite Industrialisierungsprogramme in vollem Umfang einfuhrunabhängig zu werden, aus eigener Kraft nicht durchgeführt werden können. Die künstliche, oft übertriebene und standortwidrige Industrialisierung wird von den amtlichen Stellen in Washington mit Skepsis betrachtet; die öffentlichen Mittel der Weltbank und der Eximbank werden daher in Energiewirtschaft, Bahn- und Straßenbau, Hafenbau und in die Landwirtschaft geleitet, während man die Entwicklung der verarbeitenden Industrien dem privaten Kapital überläßt

In den ersten Nachkriegsjahren war der Zustrom nordamerikanischen Privatkapitals besonders lebhaft. Von 1946 auf 1951 stieg die Gesamtinvestition von 3,1 auf 5,5 Mrd. Seit 1949 hat sich jedoch der jährliche Zuwachs verlangsamt. Ernster noch: innerhalb der Zuwachsrate steigt der Anteil der – oft unfreiwilligen – Rückinvestierung der Erträge von Altanlagen, 1951 und 1952 mehr als die Hälfte des Gesamtzuwachses, während der Nettoneuzugang stagniert. Die Ursache liegt nicht nur in den Anlagemöglichkeiten, die sich nach dem Ausbruch der Korea-Krise innerhalb der Vereinigten Staaten boten oder in der starken Anziehungskraft Kanadas. Es ist vielmehr eine ganze Reihe von Gründen, die das nordamerikanische Interesse an südamerikanischen Anlagen dämpfen.

Auf der einen Seite sind sie politisch und psychologisch bedingt: radikale Maßnahmen in Guatemala, die unfreundliche Haltung Argentiniens, die entschädigungslose Enteignung der bolivianischen Zinngruben, Verstaatlichungsreden in Chile, und an vielen Orten allgemeine Ressentiments und unbegründete Animositäten gegen die „Yankees“, oft von Hintermännern wohl organisiert. Auf der anderen Seite aber sind es konkrete wirtschaftliche Gründe, die der Investition im Wege stehen oder sogar Kapital abfließen lassen. Schlechte Arbeitsdisziplin, zahlreiche Streiks, kommunistisch beeinflußte Gewerkschaften sind für einige Länder kennzeichnend. In anderen erschwert die sprunghafte Wirtschaftspolitik und unberechenbare Verwaltung jede rationelle Disposition, besonders für den nordamerikanischen (weniger für den europäischen) Manager. Staatliche Defizitwirtschaft und inflationäre Kreditpolitik verursachen eine fortschreitende Entwertung einiger Währungen, so daß eine Nettoverzinsung von 15 v. H. oder mehr in der lokalen Währung, auf Dollar umgerechnet, einen Verlust bedeuten kann.

Unter diesen Umständen ist die Zurückhaltung des nordamerikanischen Privatkapitals begreiflich. Trotz der Steuerbegünstigung, die Anlagen in Südamerika nach nordamerikanischem Steuerrecht genießen, wurde oft den Investitionen im eigenem Lande oder in anderen „unentwickelten Gebieten“, vor allem in Kanada, aber auch Investitionen, in Europa der Vorzug gegeben. Der Neuzugang von Kapital blieb in den letzten Jahren hinter dem Dollarabfluß für Zinsen und Amortisationen fühlbar zurück.

Es ist klar, daß die Lösung nicht in öffentlichen Anleihen und öffentlichen Investitionsgarantien liegen kann. Gewiß ist die neue Regierung der Vereinigten Staaten entschlossen, südamerikanischen Angelegenheiten mehr Aufmerksamkeit zuzuwenden, als dies während der „Entdeckung Europas“ in der Ära Truman-Marshall der Fall gewesen ist, dies findet seinen jüngsten Ausdruck in der Entsendung Milton Eisenhowers. Vorbeugend gilt es, in Südamerika politisch und wirtschaftlich stabile Verhältnisse zu schaffen und die Entstehung einer – sei es auch nur in politischem, sozialem und ökonomischem Sinne – „dritten Front“ von langer Hand zu verhindern. Der entscheidende Anstoß aber zu einer verstärkten Investition nordämerikanischen Privatkapitals kann nur von den südamerikanischen Ländern selbst ausgehen. Einige von ihnen haben es bereits klar genug erkannt: Peru hat in den letzten Jahren ein günstiges Ambiente für ausländisches Kapital geschaffen und schon fühlbare Erfolge gebucht. Andere Länder, wie Kolumbien, gehen auf demselben Wege planvoll voran.

Für den europäischen Betrachter sind diese Dinge, von dem weltpolitischen Zusammenhange abgesehen, in doppelter Hinsicht von praktischer Bedeutung: Einmal kommen die Mängel und Fehler Südamerikas dem europäischen Werben um das amerikanische Kapital zugute; im Falle, einer politischen Entspannung würde dies noch stärker in Erscheinung treten. Auf der anderen Seite bietet die nordamerikanische Zurückhaltung in Lateinamerika dem nicht so wählerischen – freilich knappen – europäischen Kapital verhältnismäßig günstige Möglichkeiten. Auf längere Sicht allerdings werden die Verhältnisse in Südamerika sich bessern, und es ist möglich, daß eine Abschwächung der Konjunktur in den Vereinigten Staaten dies beschleunigen wird. Onno Oncken