Wie sah es damals eigentlich aus, als fürReichsmark nichts mehr – es sei denn „auf Karten“ – zu haben war, und der Kaufmann nicht anders als in „Ware“ denken konnte? „Export“ war damals ein Wort, das aus dem allgemeinen Sprachgebrauch entschwunden zu sein schien. Wenn es überhaupt auftauchte, dann nur mit einem höchst unerfreulichen Beiklang: die Ausfuhr war zu jener Zeit in erster Linie eine Angelegenheit der Besatzungsmächte der JEIA; Kohle, Koks und Holz waren die bevorzugten Objekte eines Zwangsexports: knappste Rohstoffe also. Auch bestimmte Fertigwaren, wie Kameras und Porzellan, wurden par ordre exportiert – doch was hatten solche Geschäfte mit einem regulären Außenhandel zu tun?

Gewiß, auch damals arbeiteten die Fabriken; es wurden gewerbliche Waren erzeugt und verkauft – aber nur im Inlande. Die kleine Gruppe der Exporteure aus Beruf und Berufung, die auf weite Sicht dachten und sich vorbereiteten auf den Wiederaufbau ihrer zerstörten Absatzorganisation in der Welt, traten trotz der scheinbaren Aussichtslosigkeit ihrer Lage immer wieder an die Industrie heran, um sie für den Export zu interessieren. Aber die Fabrikanten zeigten steinerne Gesichter. Es muß zugegeben werden, daß ihre Einwände stichhaltig waren. Sie verwiesen auf die Belegschaften ihrer Werke, die Hunger litten, und sie warfen die Gegenfrage auf: woher die Rohstoffe bekommen, die Betriebsstoffe für die Herstellung der Exportwaren, die wir doch nur zu „offiziellen“ Preisen verkaufen dürfen? Dieses Dilemma sahen schließlich auch die Besatzungsbehörden ein, die zunächst das Daniederliegen des deutschen Exportgeschäftes nicht ohne eine gewisse Befriedigung betrachtet hatten. Es wurde der Dollarbonus geschaffen, und so erhielt der Export einen Anreiz, der die Ausfuhr deutscher Fertigwaren in einem zunächst ganz beschränkten Umfang in Gang brachte.

Die Währungsreform dann bedeutete den Anbruch einer neuen Zeit für die Exporteure. Die Ausfuhr, im Juli 1948 noch fast ganz auf Zwangsexporte beschränkt, erreichte bereits 1949 den Stand von rd. 4 Mrd. Sie verdoppelte sich im nachfolgenden Jahr, stieg 1951 auf 14,58 Mrd. und erreichte im vergangenen Jahre 16,94 Mrd. DM.

Alle „Planziffern“ blieben weit hinter dem Erreichten zurück. Die Handelsbilanz weist nun wieder einen Ausfuhrüberschuß auf; eine Währungsreserve in Gold und Dollar, 3 Mrd. DM übersteigend, wurde buchstäblich aus dem Nichts geschaffen. Im internationalen Zahlungsverkehr ist die D-Mark eine anerkannte, ja, begehrte Währung geworden, wie die Liberalisierung des Devisenhandels im Verkehr mit einer Reihe wichtiger Länder beweist

Rückblickend darf man es heute geradezu als einen Segen betrachten, daß die (gewollten und ungewollten) Exporthemmnisse der ersten Nachkriegsjahre den früheren guten Ruf der deutschen Ware nicht verdorben haben. Seit wir wieder exportieren konnten, zwingt der Druck der Wettbewerbswirtschaft die Industrie zu höchsten Leistungen: mit dem Ergebnis, daß deutsche Fabrikate in der Welt wieder so hohes Ansehen genießen, und daß, von der Seite der Nachfrage her betrachtet, die Exportwirtschaft sich kaum Sorgen zu machen braucht. Nur die Kreditgewährung an den Abnehmer, der zumal bei größeren Objekten lange Zahlungsziele fordert, bleibt schwierig. Das Problem einer Abwertung der deutschen Währung aber, das noch vor wenigen Jahren ernsthaft diskutiert wurde, ist völlig in den Hintergrund getreten. Es ist auch auf das Konto der Währungs- und Wirtschaftspolitik zu schreiben, wenn sich die „terms of trade“, das Verhältnis der Preise für Exportwaren einerseits und für Importwaren andererseits, in den vergangenen drei Jahren nirgends so verbessert haben wie bei uns. Dem entspricht, im innerwirtschaftlichen Bereich, die günstige Entwicklung der Preis-Lohn-Relation, also ein Ansteigen der Reallöhne (für die Zeit „seit Korea“), wie es nirgends sonst in der Welt zu verzeichnen war.

Heute schwebt nicht mehr der Einfuhrüberschuß, die Passivität der Handelsbilanz, als Drohung über dem Wirtschaftsleben. Im Gegenteil: „Ihr importiert zu wenig“ – so rufen uns die ausländischen Handelspartner zu, und sie haben von ihrem Standpunkt aus nicht einmal Unrecht. Im Handelsverkehr mit dem EZU-Raum, und ebenso im Verkehr mit den „sonstigen“ Verrechnungsländern, mit denen zweiseitige Handelsabkommen bestehen, haben sich Forderungen aufgesummt, die 2 bis 2 1/2 Mrd. DM ausmachen. Ja, selbst die „Dollarlücke“, jener Albdruck, mit dem sich so viele Gutachten und Resolutionen beschäftigten, hat sich zunehmends geschlossen, und jetzt, erstmalig im April 1953, war die Ausfuhr nach den „freien“ Dollarländern ebenso hoch wie die Einfuhr von dort: aus eigener Kraft und ohne daß wir noch der Hilfestellung der ERP-Nachfolgerin MSA bedurft hätten. H. K.