„... und wir können sagen, wir sind dabeigewesen.“

In verdunkelten Omnibussen der US-Army waren die deutschen Sachverständigen, die unter dem Vorsitz eines damals noch ziemlich unbekannten Professors Ludwig Erhard in Bad Homburg getagt hatten, in das „Konklave von Witzenhausen“ entführt worden. Dort (oder vielmehr in der Kaserne von Rothwesten, unweit von Kassel, wie sich später herausstellte) sollten sie, nach dem Diktat eines „jungen Mannes von Harvard“, eines gewissen Mr. Tennenbaum, die letzten Vorbereitungen für die Währungsreform in dem Lande treffen, das damals noch das VWG, das „Vereinigte Wirtschaftsgebiet“ also, genannt wurde. Nur ein Deutscher hatte freien Zutritt zum „Konklave“; als Verbindungsmann pendelte er zwischen Rothwesten und der damaligen Zentrale Frankfurt. Er kam eines Tages zu uns in die Redaktion.

„Der Tag liegt nun fest“, sagte er, „aber ich bin gebunden: ich darf den Termin nicht nennen. Immerhin kann ich soviel sagen, daß noch einige Zeit vergehen wird. Daß der bewußte Termin ein Sonntag sein soll, ist ja schon allgemein bekannt. Der 6. Juni wird es nicht sein; dazu wäre die Zeit für die Vorbereitungen, die noch getroffen werden müssen – denken Sie nur an das Verteilen der neuen Banknoten bis in alle Gemeinden – zu knapp bemessen. Außerdem ist der 6. Juni der Tag der Normandie-Invasion: das könnte als Affront gelten. Der 13. wird es auch nicht sein: man scheut das ominöse Datum. Und nun wissen Sie auch genug; ich brauche wohl nicht mehr zu sagen – und darf es auch nicht.“

„Aber nun möchte ich Sie noch etwas fragen. ‚DIE ZEIT‘ ist seit Jahr und Tag für eine baldige Reform eingetreten, und zugleich für eine radikale Lösung: für einen „scharfen Schnitt’ also. Sie hat sich gegen die zunächst allgemein verbreitete Auffassung gewandt, daß man mit der Währungsreform ,warten‘ solle, bis gewisse ,Voraussetzungen‘ erfüllt seien. Sie glauben auch nicht an die Gefahr, daß dann, wenn man den ‚Übenhang‘ an Geld erst einmal beseitigt habe, die Erzeugung zunächst stark rückläufig sein werde: weil es der Bevölkerung an Kaufkraft fehlen müßte und den Unternehmen an Betriebsmitteln, um Löhne und Materialien zu bezahlen.“

„All’ das, was ‚DIE ZEIT‘ in diesem Zusammenhang geschrieben hat – wie etwa, daß zugleich mit der Produktion (und in gleicher Höhe) ja laufend ‚Volkseinkommen in Geldform‘ entsteht, also die Produktion wegen .Geldknappheit’ doch niemals drastisch eingeschränkt werden müsse – mag theoretisch richtig sein. Aber wird die Kreditwirtschaft mit dem neuen Geld auch alsbald praktisch funktionieren? Bei verschiedenen Länderregierungen, insbesondere in München, rechnet man mit einer sehr schnell ansteigenden Massenarbeitslosigkeit. Aus sozialen und politischen Erwägungen wird man den Erwerbslosen den vollen Lebensunterhalt gewähren müssen. Diese Überbelastung, so wird gesagt, muß die öffentlichen Finanzen ruinieren. Die neue Währung wird daran kaputt gehen ... Danach wird nichts gebessert und keinem geholfen sein.“

„Wir stehen somit jetzt vor der Frage, ob wir noch in letzter Minute die Verantwortung für das, was nach dem Willen der Besatzungsmächte zu geschehen hat, ablehnen sollen. Verweigern wir die Mitarbeit und bestehen wir darauf, daß alles beim alten bleibt, weil das Risiko einer Reform eben zu groß sein würde, dann werden auch die Besatzungsmächte nachgeben; sie werden uns gewiß die neue Währung nicht oktroyieren wollen. – Sie sehen, es ist eine unendlich schwere Entscheidung, vor die wir da gestellt sind. Und nun möchte ich von Ihnen das eine hören: sind Sie wirklich ehrlich und zutiefst überzeugt von der Richtigkeit Ihrer Prognosen, daß eine Währungsreform jetzt mit guter Aussicht auf günstige wirtschaftliche Folgen durchzuführen ist – ohne schwerste soziale und damit auch politische Risiken?“