Verdächtig häufig taucht in letzter Zeit die Diagnose „Bandscheibenschaden“ bei Schmerzen auf, die der Kranke für einen „Hexenschuß“ oder gar für Ischias gehalten hatte. Haben die Ärzte ein neues Wort für eine alte Krankheit gefunden? Oder ist ein neues Krankheitsbild aufgetreten, das seine Ursache wie viele andere Leiden in den negativen Seiten unserer Zivilisation hat? Wir haben unseren medizinischen Mitarbeiter gebeten, seine Meinung zu schreiben.

Eine der beliebtesten Methoden, mit der Lausbuben ihre Umwelt ärgern, besteht darin, in der Kirschenzeit Kirschkerne zwischen Daumen und Zeigefinger zu nehmen und sie friedlichen Erwachsenen an den Kopf zu schießen. Dieser Lausbubenstreich ist geradezu ein Modellversuch für das, was bei einem Bandscheibenvorfall geschieht. Da sind also die einzelnen Wirbel der menschlichen Wirbelsäule, und zwischen ihnen befinden sich – wie zwischen den abschußbereiten Fingern der Kern – die Bandscheiben! Diese Zwischenwirbelscheiben können nun, wenn ein Mißverhältnis zwischen ihrer Belastungsfähigkeit und der täglichen Beanspruchung besteht, aus ihrer Lage herausgepreßt werden! Hier nun hört der Vergleich mit dem Kirschkern auf; denn die Bandscheibe hat entsprechend den anatomischen Gegebenheiten keine so große Bewegungsmöglichkeit. Sie weicht aus in den Wirbelkanal. Dort trifft sie auf nervöses Gewebe und verursacht das Bild des „Bandscheibenschacens“.

So einfach der Mechanismus, der bei dieser Krankheit in Unordnung gerät, auch sein mag, um so viel schwerer aber ist es, sie klinisch oder röntgenologisch exakt festzustellen. Es hat daher auch fast 90 Jahre gedauert, ehe dieses Krankheitsbild zu einem fest umrissenen Begriff wurde. Schon 1857 machte Virchow auf anatomische Veränderungen der Zwischenwirbelscheibe aufmerksam, ohne jedoch den Zusammenhang jener Veränderungen zu sehen. 1911 erfolgte die erste Beschreibung des Krankheitsbildes und ihrer Ursachen. Es dauerte aber fast noch weitere 25 Jahre, bevor das Krankheitsbild des Bandscheibenvorfalls soweit durchforscht war, daß die Möglichkeiten bekannt wurden. Die Ärzte, von Natur aus und zugunsten der Patienten gegenüber jeder „neuen“ Krankheit und deren Therapie zurückhaltend und kritisch eingestellt, folgten nur zögernd dem Weg, den einige avantgardistische Kliniken in der Diagnose und Therapie des „Bandscheibenschadens“ beschritten. So ist es leicht erklärlich, daß dieses Krankheitsbild erst heute zum allgemeinen Wissensgut des praktischen Arztes geworden ist. Daher auch ist der „Bandscheibenschaden“ eine moderne Erkrankung. Die Symptome aber, die – wie wir heute wissen – ein Bandscheibenvorfall hervorruft, sind schon in der medizinischen Literatur des 18. Jahrhunderts beschrieben.

Wie kommt es zum Bandscheibenvorfall? Hängt es vielleicht mit der Aufrichtung des Menschen zusammen? In der Tat glaubte man lange Zeit, daß die aufrechte Haltung des Menschen die einzige Ursache für diese Krankheit sei. Schließlich stellte man jedoch fest, daß der Bandscheibenvorfall auch bei Zwergdachsen, also Vierbeinern vorkommt. So wendet man heute bei der Erforschung der Ursachen jener Krankheit sein Augenmerk auf die allgemeine Konstitution und Statik des Körpers. Um sich einen Begriff von der Aufgabe der Zwischenwirbelscheibe machen zu können, nehme man sich einen kleinen Gummiball zur Hand und presse ihn mit beiden Händen von beiden Seiten stark zusammen. Die Zwischenwirbelscheibe steht etwa unter ähnlichen Druck- und Zugverhältnissen wie der Ball zwischen den Händen. Sie stellt also ein elastisches System dar in Verbindung mit den Wirbelkörpern, die den anfassenden Händen gleichzusetzen wären. Auf diese Weise sind nun alle 24 Wirbel miteinander verbunden. Man kann sich so wohl vorstellen, daß unsere Wirbelsäule ohne diese Bandscheiben unbeweglich und starr wäre. Damit aber dieses ganz elastische System der Wirbelsäule genügend Festigkeit hat, sind seine Teile durch Längs- und Querbänder verstrebt. Gelenke an den einzelnen Wirbeln und Muskeln sorgen für eine sinnvolle Einschränkung der Bewegungsmöglichkeiten der ganzen Wirbelsäule.

So ausgerüstet betritt also der Mensch seinen Lebensweg. Er drückt die Schulbank, geht in die Lehre, studiert und ist schließlich fest in seinem Beruf. Eines schönen Tages kommt er, da er sich verspätet hat, eilig aus dem Büro. Und da passiert es dann. Er „vertritt“ sich. Ein starker Schmerz zieht in die Kreuzgegend und strahlt vielleicht noch in die Beine aus. Mühsam schleicht er nach Hause. „Hexenschuß“ sagt seine Frau, packt ihn ins Bett und läuft in die Apotheke, eine Einreibung zu holen. Nach Tagen der Bettruhe fühlt er sich wieder besser. Doch ach, bei dem Versuch, aufzustehen, sinkt er mit schmerzverzerrtem Gesicht wieder in die Kissen. Nun kommt der Arzt. Er macht eine Spritze in die Kreuzbeingegend, legt je nach seiner Einstellung – auch noch ein Heilpflaster auf und murmelt etwas von Ischias oder Lumbago. Der Kranke wird allmählich froher, denn die Behandlung hat geholfen. Er ist wieder arbeitsfähig. Seine Schmerzen in der Kreuzbeingegend ist er jedoch nicht ganz losgeworden. Nacheinander läßt er sich mit Massage, Wärme, Kurzwellen und sogar Röntgenstrahlen behandeln. Darüber vergehen Jahre und allmählich hat er sich an sein Leid gewöhnt und zählt es zu Erscheinungen seines Alters. Sein Schulfreund aber von nebenan, der einen körperlich viel schwereren Beruf hat, ist noch immer so gut zu Fuß wie eh und je!

So oder ähnlich ist der Verlauf des Bandscheibenvorfalls. Einflüsse der Konstitution, des Alters und der Umwelt haben zu diesem Leiden geführt. Die Konstitution steuert die allgemeine Bindegewebsschwäche zu seiner Entstehung bei. Jenes Gewebe also, das für die Körperhaltung des Menschen, für den festen Verschluß der Bruchpforten, für die Elastizität und den Spannungszustand der Muskeln und Gewebe so wichtig ist, zeigt eine angeborene Schwäche. Das Alter sorgt bei diesem Leiden für die Abnutzung und den Elastizitätsverlust des Gewebes der Zwischenwirbelscheibe und deren Haltevorrichtungen. Die Umwelteinflüsse schließlich spielen mehr oder weniger die Rolle des auslösenden Faktors. Überanstrengungen und statische Fehlbelastungen kommen hinzu. Der eine hat durch Plattfüße, der andere durch Übergewicht, langes Stehen, schlechte Haltung beim Sitzen, den Bauch, schweres Tragen, zu wenig Bewegung Fehler in die Statik des Körpers gebracht. Dadurch sind die physiologischen Krümmungen der Wirbelsäule zu unphysiologischen Verbiegungen geworden. Solche Verlegungen also, auch wenn sie äußerlich kaum feststellbar sind, leisten im Verein mit den beiden anderen Faktoren die Vorarbeit für den Bandscheibenvorfall. Es bedarf dann nur noch eines auslösenden Momentes – wie es etwa das Vertreten schon sein kann –, um das Krankheitsbild manifest werden zu lassen. Alle drei Faktoren, Konstitution, Alter und Umwelt sind also an der Entstehung des Leidens beteiligt. Selbstverständlich bleiben neben dem Krankheitsbild des Bandscheibenvorfalls die anderen Krankheiten, die ähnliche Beschwerden machen, bestehen. So wird es weiter „Ischias“ und Lumbago geben. So wird bei dem Symptom „Kreuzschmerzen“ nach gynäkologischen Erkrankungen, Vergiftungen, Tuberkulose und Gicht geforscht werden müssen. Hier die richtige Diagnose zu stellen, kann nur Aufgabe des behandelnden Arztes sein. Die Diagnosenfindung in diesem Wetterwinkel der menschlichen Wirbelsäule ist sehr schwer, da selbst die Röntgenaufnahme oft versagt.

Die Zahl der Menschen, die nach gesicherter Diagnose eines Bandscheibenschadens bei Versagen der konservativen Therapie operativ behandelt worden sind, nimmt ständig zu. Die Operation bringt etwa 80 Prozent der Patienten Heilung und 20 Prozent Besserung. Dietrich Zehorn