In der zurückliegenden Börsenwoche mußte zwar ein Teil der in den Tagen vorher erreichten Gewinne wieder abgeschrieben werden, doch übten die politischen Ereignisse auf der einen Seite und die in großer Anzahl vorliegenden günstigen Meldungen aus dem Wirtschaftsleben auf der anderen Seite einen immerhin so starken Einfluß aus, daß vonderfrüheren Lethargie in den Börsensälen nichts mehr zu spüren war. Die Zeiten der anhaltenden Lustlosigkeit und der Stagnation scheinen überwunden zu sein, womit nicht gesagt ist, daß es in der Zukunft nur noch feste Kurse geben wird. Durch die bevorstehende Bundestagswahl ist manche Unruhe zu erwarten, und die Spekulationen über ihren möglichen Ausgang werden an den Börsen zwangsläufig ihren Niederschlag finden müssen.

Beunruhigt durch die Berliner Ereignisse, machte der Berufshandel in ungewöhnlich kurzen Abständen von der Möglichkeit Gebrauch, Gewinne zu realisieren. Daß diese Nervosität den Kursen nicht immer gut bekam, ist verständlich. Die Leidtragenden waren jene Papiere, die unter dem Eindruck einer konzilianten Sowjetzonenpolitik vorher stark „gekommen“ waren. Immerhin, die Veränderungen, die sich bei den Gesellschaften mit größeren Sowjetzoneninteressen ergeben haben, sind recht beachtlich. Dagegen blieb die Aufmerksamkeit für reine Ostgesellschaften auch weiterhin gering. Wie sehr sich das Bild verändert hat, zeigt die Kursentwicklung bei folgenden Gesellschaften:

Die Montanwerte schließen bei einem Wochenvergleich trotz gelegentlicher Rückschläge mit kleinen Gewinnen ab. Die Versionen über die noch ausstehenden Umstellungen sind die gleichen geblieben. Als nächstes endgültiges Ergebnis wird die Umstellung des Hoesch-Kapitals erwartet. Die Mehrzahl der Montanaktien ist selbst bei Anlegung der heutigen strengen Maßstäbe unterbewertet. Dieser Zustand dürfte anhalten, bis die Entflechtung mit allen ihren Konsequenzen (Zwangsverkaufe großer Pakete usw.) tatsächlich abgeschlossen ist. Da die SPD ihre alten Verstaatlichungspläne für die Grundstoffindustrien wieder hervorgeholt hat, wird der Ausgang der Bundestagswahlen für das Schicksal der Montanpapiere eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen.

Bei den IG. – Farben wechselten Tauschoperationen und Auslandskäufe miteinander ab. Der Kurs für die effektiven Stöcke stellte sich zum Wochenschluß auf 86 v. H. und lag damit um 1/4 Punkt höher als in der Vorwoche. Am Elektromarkt konnten AEG wegen ihrer erheblichen Sowjetzoneninteressen um 2 1/2 Punkte aufholen. Bei den Versorgungswerken kamen HEW stärker ins Geschäft. Wie man an der Hanseatischen Wertpapierbörse hörte, soll die schon überfällige HY nunmehr Anfang August zusammentreten. Vermutlich gelangen wieder 4 v. H. Dividende zur Verteilung. Hamburger Hochbahn zogen nach Einberufung der oHV auf 75 3/4 v. II, an. Di der ausgewiesene Gewinn des Unternehmens für die Ausschüttung der garantierten Dividende von 5 v. H. an die A-Aktionäre nicht ausreicht, wird der erforderliche Betrag vom Hamburger Staat bereitgestellt werden.

Bei den Aktien der ehemaligen Großbanken verlagerte sich das Geschäft auf die Neugirosammelanteile, wodurch sich allerdings keine Kursveränderungen ergaben. Im übrigen hat sich die Reihe der Gesellschaften, die ihre Dividende trotz der für 1952 noch nicht wirksamen Steuerbegünstigungen erhöht, weiter vergrößert. Zu erwähnen sind hier: Felten & Guilleaume von 4 auf 5 v. H., Adam Opel von 6 auf 8 v. H., Portland Zementfabrik Germania von 5 auf 6 v. H., Eisenwerk Wülfel von 5 auf 6 v. H. und Kölsch-Fölzer Werke von 4 auf 6 v. H.

Am Rentenmarkt war die Nachfrage nach der Bundesanleihe zeitweise so lebhaft, daß der Kurs auf 99 3/4 v. H. heraufgesetzt werden mußte. Inzwischen wurde er jedoch wieder auf 99 1/2 v. H. zurückgenommen. Die Kaufneigung für Altbesitzanleihen hielt weiter an. In Harpener Bonds fanden die spekulativen Käufe trotz vieler Warnungen ihre Fortsetzung. Der Kurs stieg zeitweise auf 130 v. H., zum Wochenschluß notierte er mit 125. Man ist heute an den Börsen so weit, daß jede Erklärung als „lanciert“ angesehen wird, und es gibt Kreise, die der unerschütterlichen Meinung sind, daß eine Entscheidung über das Schicksal der Harpener Bonds schon in nächster Zeit fallen wird. -n d t.