Die Wiederaufnahme des berühmten Saloniki-Prozesses gegen eine Anzahl von Mitgliedern der serbischen Offiziersverschwörung „Schwarze Hand“, nach 36 Jahren auf Titos Anordnung vom Obersten Gerichtshof vorgenommen wurde, ist in der vergangenen Woche mit dem Freispruch aller Angeklagten beendet worden. Drei von ihnen sind im Jahre 1917 hingerichtet worden. Das Verfahren hat nicht nur bestätigt, was die Geschichtsforschung schon immer mit guten Gründen vermutet hat, nämlich, daß die damaligen Hinrichtungen bewußter Justizmord waren, sondern es hat auch zum erstenmal die viel wichtigere historische Tatsache dokumentarisch erwiesen, daß der amtierende Chef einer serbischen Behörde für den Thronfolgermord in Sarajewo verantwortlich war, der den ersten Weltkrieg mit seinen Millionen von Opfern in Gang setzte.

Im Frühjahr 1944 meldete der britische Verbindungsoffizier im Stäbe Tito dem Premierminister Churchill, er sei immer mehr überzeugt, daß die jugoslawische Partisanenbewegung nichts als getarnter Kommunismus sei und, wenn man diese Bewegung unterstütze, nach dem Kriege ein kommunistisches Regime errichten werde.

„Was kümmert Sie das“, antwortete Churchill seinem Untergebenen, „wollen Sie nach dem Kriege dort leben? Ich jedenfalls nicht!“

Dieses kommunistische Regime besteht jetzt bereits mehr als acht Jahre. Tito hat viele alte Einrichtungen liquidiert, vor allem die Bourgeoisie, den Mittelstand, die politischen Führer der Vergangenheit. Nur mit den Bauern, die Dreiviertel der Bevölkerung ausmachen, ist er nicht fertiggeworden. Sie halten an ihren Gewohnheiten und an ihren Traditionen fest, besonders in Serbien, wo die Monarchie stark verwurzelt war, und manche der gewaltigen Sch Gierigkeiten wirtschaftlicher Art, mit denen das Tito-Regime zu kämpfen hat, werden auf den Widerstand der Bauern zurückgeführt.

Unter diesem Gesichtspunkt wird es verständlich, daß die Belgrader Regierung ein gewaltiges Propagandaunternehmen in Gang setzte, um die Bauern von ihrer Anhänglichkeit an die Dynastie Karageorgewitsch abzubringen. Dieses Manöver bestand in der Wiederaufnahme des Saloniki-Prozesses, in dem der von den Serben als eine Art Nationalheld verehrte Oberst Dimitrijewitsch, genannt Apis, unter der Beschuldigung des Hochverrats und eines Anschlages auf das Leben des damaligen Prinzregenten und späteren Königs Alexander von Jugoslawien von einem Militärgericht zum Tode verurteilt worden war. Fast auf den Tag genau 36 Jahre nach der Hinrichtung von Apis und zweier seiner Mitangeklagten sprach der Oberste Gerichtshof Titos sämtliche Angeklagten frei. Es ist klar, daß dieser Freispruch, zugleich eine furchtbare Anklage gegen die abgesetzte Dynastie Karageorgewitsch ist.

Der Saloniki-Prozeß war einer der dunkelsten Punkte in dem Wirken der Dynastie Karageorgewitsch. Besonders deshalb, weil es gerade Dimetrijewitsch-Apis war, der die Dynastie auf den Thron gebracht hatte. Er war der Führer jener Offiziersverschwörung, die am 11. Juni 1903 – also gerade vor 50 Jahren – den letzten König der Dynastie Obrenowitsch, Alexander, und seine Gattin Draga ermordete und so den Weg zur Rückkehr Peters I. öffnete. An diesen Umsturz hatte sich eine bemerkenswerte Karriere des jungen Offiziers geschlossen, der als ein glühender Patriot von unbeschreiblicher Härte schon in den darauffolgenden Jahren die Irredenta in Österreich-Ungarn zu organisieren und den Zusammenschluß aller jugoslawischen Völker vorzubereiten begann. Sein Werkzeug war die Geheimorganisation „Schwarze Hand“, die aus der Offiziersverschwörung hervorgegangen war, der aber später auch Beamte und Agenten angehörten, als Apis Chef des Nachrichtendienstes des serbischen Generalstabes geworden war. Unter seiner unbeugsamen Führung gewann die „Schwarze Hand“, dank auch der Popularität ihres unheimlichen Chefs, einen bedeutsamen Einfluß auf die Innen- und Personalpolitik und wurde schließlich der Regierung und insbesondere der Dynastie unbequem, als ein Faktor ewiger Unsicherheit. Bald nach Beginn des Weltkrieges spaltete sich von ihr eine Offiziersgruppe ab, die später in der jugoslawischen Politik als die „Weiße Hand“ bezeichnet wurde und bis in die dreißiger Jahre eine große Rolle spielte. Diese Gruppe veranstaltete im Jahre 1917 einen Prozeß gegen Apis und einige Mitglieder’seiner Organisation, in dem sie ihm Vorbereitungen zu einem Militärputsch, ja sogar einen Anschlag auf das Leben des damaligen Prinzregenten Alexander Karageorgewitsch vorwarf, Apis und acht Mitangeklagte wurden zum Tode verurteilt, er selbst und zwei andere hingerichtet.

Diesen Prozeß hat das Oberste Belgrader Gericht jetzt wiederholt und mit einem Freispruch beendet. Das Wiederaufnahmeverfahren war voll von dramatischen Einzelheiten. Zwei Belastungszeugen, die noch am Leben sind, beeideten, 1917 durch Todesdrohungen zu falschen Aussagen gepreßt worden zu sein. Das Belastungsmaterial löste sich mehr oder weniger in Nichts auf, und auch die Hintergründe des Prozesses scheinen jetzt klarzuliegen. Offensichtlich hat der Wunsch, diesen gefährlichen Mann zu beseitigen, um seinen Einfluß aus der Innenpolitik auszuschalten, nicht allein den Anstoß gegeben. Vielmehr scheint auch die Erwägung eine große Rolle gespielt zu haben, daß die serbische Regierung, die damals eine Exilregierung in Korfu war und deren restliche Truppenverbände in einem damals nicht eben aussichtsreichen Kampf an der alliierten Saloniki-Front standen, am besten täte, einen Separatfrieden mit Österreich abzuschließen. Dafür aber dürfte ihr die Beseitigung des den Österreichern als Urheber des Attentats von Sarajewo verdächtigen Apis notwendig erschienen sein. Um so mehr, als die serbische Regierung wußte, daß der Verdacht voll begründet war. Darum ließ sie auch die Todesurteile gegen diejenigen vollstrecken, die an der Organisation des Attentats teilgenommen hatten, nämlich gegen Apis, den Major Wulowitsch und den Agenten Malobabitsch, während sie die anderen Verurteilten begnadigte. Es war daher die Sensation des Belgrader Wiederaufnahmeverfahrens, daß dort ein Bericht von Apis eigener Hand vorgelesen – und in der jugoslawischen Presse im Faksimile reproduziert – wurde, in dem Apis bekennt, daß er als Chef des Nachrichtendienstes den Mord von Sarajewo angeordnet und durch seine Agenten hat ausführen lassen. Dieser Rapport hat so großes historisches Interesse, daß er hier auszugsweise wiedergegeben werden soll.