Der Staatsstreich in Kolumbien, durch den der Oberbefehlshaber der Streitkräfte, General Rojas, an die Macht gekommen ist, war nicht eine der in Süd- und Mittelamerika üblichen Revolutionen. Im Gegensatz zu anderen lateinamerikanischen Ländern haben sich die Militärs in Kolumbien seit hundert Jahren nicht in die Politik eingemischt. Wenn General Rojas mit dieser Tradition gebrochen hat, so haben ihn ganz besonders Gründe dazu veranlaßt.

Seit dem „schwarzen Freitag“ vom 9. April 1948, an dem der volkstümliche Führer der Linksliberalen, der Rechtsanwalt Gaitán in Bogota ermordet wurde, befindet sich das Land im Zustand eines latenten Bürgerkrieges, der schon Tausende von Opfern gefordert hat und jährlich ein Viertel des Staatshaushaltes kostet. Liberale und Konservative stehen sich in einem unversöhnlichen Haß gegenüber, der um so unverständlicher ist, als sich beide Parteien in ihren politischen und weltanschaulichen Grundsätzen nicht wesentlich voneinander unterscheiden. In Kolumbien bestimmt aber die Familie die Parteizugehörigkeit, die der Sohn vom Vater erbt.

Rojas und ein großer Teil des Offizierskorps stammen aus konservativen Familien. Die Regierung ist seit den Wahlen des Jahres 1946 konservativ, da sich die Liberalen durch ihre Spaltung um den Sieg gebracht hatten, nachdem sie 16 Jahre ohne Unterbrechung an der Macht gewesen waren. Sie erwiesen sich als schlechte Verlierer und beteiligten sich weder 1949 an der Präsidentenwahl, noch 1950 an den Wahlen zum Kongreß. Diese Obstruktion begründeten sie mit dem von der Regierung wegen der Unruhen im ganzen Lande verhängten Ausnahmezustand, der nach ihrer Auffassung freie Wahlen unmöglich machte. So kam es, daß der konservative Präsidentschaftskandidat Gomez widerspruchslos gewählt wurde und der Kongreß sich nahezu ausschließlich aus Konservativen zusammensetzte. Gomez war der Führer des rechten Flügels der Konservativen, auf den sich der Haß der Liberalen besonders deshalb konzentrierte, weil sie ihn wegen seines langen Exils in Spanien verdächtigten, von dem Falangismus angesteckt zu sein.

Der schlechte Gesundheitszustand von Gomez hatte es ihm in den letzten achtzehn Monaten unmöglich gemacht, seinen Amtsgeschäften nachzugehen. Erst am 13. Juni übernahm er von dem geschäftsführenden Staatspräsidenten Arbelaez sein Amt. Maßgebend für diesen Entschluß war der bevorstehende Zusammentritt der „Verfassunggebenden Versammlung“. Der Staatspräsident hatte offenbar die Absicht, selbst Verfassungsänderungen zu verfügen, die die Macht des Präsidenten wesentlich vergrößern sollten. Außerdem wollte er vor den Präsidentenwahlen, bei denen er wieder zu kandidieren beabsichtigte, die Führung seiner Partei in die Hand nehmen.

Ein großer Teil der Parteifunktionäre drohte nämlich, den Führer des gemäßigten Flügels, den früheren Staatspräsidenten Perez, als Kandidaten aufzustellen. Es war Gomez auch nicht unbekannt, daß hohe Offiziere, an ihrer Spitze General Rojas, mit der Kandidatur von Perez sympathisierten. Eine seiner ersten Amtshandlungen war daher, Roths zu verabschieden und den Kriegsminister, Nunez, ein Mitglied des Direktoriums der konservativen Partei, durch einen Mann des rechten Flügels zu ersetzen. Die schnelle Reaktion Rojas und des Direktoriums der Partei gegen diese Maßnahme beweist, daß zwischen Rojas und der Parteiführung Einverständnis bestand.

Rojas ließ den Präsidentenpalast von Truppen der Garnison Bogota umstellen, setzte Gomez ab und erklärte sich selbst zum Staatspräsidenten. Das Direktorium der Partei, dem auch der ehemalige geschäftsführende Staatspräsident Arbelaez angehört, stellte sich einmütig hinter Rojas. Bei dem Staatsstreich handelte es sich also um einen Machtkampf innerhalb der konservativen Partei, an dem die liberale Opposition nicht beteiligt war. Sie hat zwar die Absetzung des ihr verhaßten Gomez begrüßt und den Staatsstreich als berechtigt anerkannt, wurde aber bei der von Rojas vorgenommenen Neubildung des Kabinetts nicht berücksichtigt. Kolumbien behält daher eine „konservative Regierung. Erst die von Rojas zugesagten Wahlen werden darüber entscheiden, ob Konservative oder Liberale die nächste Regierung bilden werden.

Die Liberalen sind allerdings der Auffassung, daß nur durch eine vollständige Amnestierung der liberalen Guerillas der Friede im Lande wiederhergestellt und damit die Voraussetzung für freie Wahlen geschaffen werden könne. Diese Forderung ist jedoch bisher selbst von den gemäßigten Konservativen abgelehnt worden, so daß kaum anzunehmen ist, daß der Bruderkrieg mit dem Staatsstreich vom 13. Juni beendet ist. Ernst Krüger