Von Christian E. Lewalter

Wir in Europa oder in Amerika möchte sich heute nicht unter die Humanisten gerechnet wissen? Will sagen: unter die Humanisten im weiteren Sinne des Wortes, wonach unter einem „Humanisten“ ein Kulturmensch zu verstehen ist, der die Humanität (was immer dies auch sei) für einen absoluten, unbedingt zu realisierenden Wert hält – während der Humanist im engeren Sinn den Auftrag hat, zu zeigen, wie die griechische und die römische Antike diesen Wert realisiert haben. In Deutschland bekannte sich besonders nach 1945 jedermann (ausgenommen nur Gottfried Benn, Ernst Jünger und Martin Heidegger) zum uneingeschränkten Humanismus, und Vorschläge zu seiner Wiederherstellung und endgültigen Sicherung, gingen reichlich ein. Wer diese Schriften und Programme überblickte, mußte den Eindruck bekommen, daß wir, unmittelbar nach Hitler, sofort in die Epoche eines „neuen Humanismus“ eingetreten seien. Und nur ein Umstand konnte bedenklich stimmen: daß nämlich eine Gruppe wortmächtiger evangelischer Theologen (Karl Barth und seine Freunde) die Auffassung äußerten, der Verfall der abendländischen Ordnungen und seine erschreckendsten Symptome, die Regime Hitlers und Stalins, seien nicht aus der Sünde wider den Humanismus, sondern aus diesem selbst entsprungen und also in gleichem Sinne dessen legitime Produkte wie die bösen Taten der Menschen legitime Produkte des Satans sind. Sie erkannten im modernen Humanismus die Stimme der Schlange aus dem Paradiese wieder, die Adam und Eva zu geistiger Überheblichkeit verführte. Der moderne Mensch, der Gott nicht mehr braucht, mache aus Adams Sündenfall eine optimistische Weltanschauung mit dem Etikett „Humanismus“ – so radikal äußerten sich diese Theologen.

Da kann also nicht alles stimmen bei den Humanisten, und es wäre schon lange nötig gewesen, daß auch die nichttheologischen Kulturkritiker und Programmatiker den Begriff des Humanismus einmal unter die Lupe nahmen, um zu prüfen, was es mit diesem scheinbar absoluten Wert auf sich hat. Sie haben es unterlassen, haben an Karl Barth vorbeigehört und vorbeigeredet und unbekümmert weitere neue Humanismen proklamiert. Jetzt endlich hat sich ein Denker zu Wort gemeldet, dem es an Mut, den Dingen ins Auge zu sehen, nicht gebrach. Und zwar ist dieser Denker – keineswegs zufällig – von Haus aus ein Humanist im engeren Sinne, ein Erforscher der Antike. Es ist der Frankfurter Philologe, Philosoph und Pädagoge Heinrich Weinstock, und sein (bei Quelle & Meyer in Heidelberg) erschienenes Buch heißt „Die Tragödie des Humanismus (363 S., Leinen 22 DM).

Weinstocks Buch deckt einen kardinalen Irrtum auf: den Irrtum, daß sich vom klassischen Athen bis zum Abendland von gestern eine einzige, ungebrochene, in sich schlüssige und philosophisch unanfechtbare Traditionslinie des Menschenbildes – eben die humanistische – gezogen habe, die erst in unserem Jahrhundert plötzlich abriß und durch so antihumanistische Verfahrensweisen wie die des Kommunismus und des Nationalsozialismus überlagert worden sei. In Wirklichkeit, so zeigt Weinstock, ist das Menschenbild der hellenischen Klassik (das des Aischylos, des Sophokles, des Platon) schon in der Generation nach Platon, bei Aristoteles, aus einem tragischen zu einem optimistischen geworden, und vollends die Stoiker haben ihren Glauben, daß der Mensch durch eigene Anstrengung gottgleiche Vollkommenheit erreichen könne, auf die ganze spätantike Welt und auf alle Folgezeiten übertragen. So wurde schon lange vor dem Christentum aus dem tragischen Humanismus, der den Menschen in die Hand übermenschlicher, von ilm nie ganz erforschbarer Mächte gegeben sieht, ein (wie Weinstock es treffend nennt) „absoluter Humanismus“, der das Vernunftwesen Mensch den Göttern gleichsetzt (weil diese auch Vernunftwesen sind), und an die Erreichung der Vollkommenheit nur die eine Bedingung knüpft, daß der Mensch seine tierische Sinnlichkeit (seine „Affekte“) durch die Kraft des Geistes überwindet.

Das Christentum fand diesen absoluten Humanismus bereits vor. Wohl hat sein größter Theologe, der heilige Augustinus, noch einmal auf Platon zurückgegriffen und erkannt, daß nicht Adans Sinnlichkeit, sondern sein Geist dem Versucher erlegen ist, so daß die Erbsünde nicht die „tierische Natur des Menschen, sondern die Vermessenheit des menschlichen Willens befiel. Aber Augustin gehörte der Mittelmeerwelt an, die zum Untergang bestimmt war. Christentum und Kultur fielen in die romanisch-germanischen Völker. „Ihnen wir die tragische Verfassung des altgriechischen, die sündige des urchristlichen Menschen durchaus ungemäß. Aber die stoische Rüstung paßte ihnen abgezeichnet, nur daß sie sich mit ihr nicht in Burgen zurückzogen, sondern in den Sattel stiegen, um die Welt zu erobern.“ Das abendländische Mittelalter kam dann unter die geistige Herrschaft des Aristcteles und erfüllte sich vollends mit der Überzeugung, daß in allen weltlichen Dingen (vor allen im Politischen) den Menschen durch menschliche Vernunft ein ideales Zusammenleben durchaus möglich sein müsse. Der Humanismus gegen Ende des Mittelalters (Erasmus von Rotterdam vor allem) begründete diesen vermessenen Glauben noch eigens aus den stoischen Quellen und fügte nur die Einschränkung hinzu, daß allein der „humanistisch Gebildete“ Führer zu solch idealem Zusammenleben sein könne.

Jetzt versteht man, daß die römischen Stoiker die Vorbilder der Terroristen von 1793 werden mußten und der humanistisch gebildete Saint-Just aus logischer Konsequenz als Humanist die Guillotine in Gang setzte. Sobald der „absolute Humanismus“ nicht mehr durch religiöse Scheu gedämpft war, gebar sich das totalitäre Regime von selbst aus ihm. Absoluter Humanismus und Massenmord gehörten schon bei Senecas gelehrigem Schüler Nero zusammen, und nun wieder bei Saint-Just, dem humanistisch gebildeten Goebbels und dem konsequentesten Schüler des Humanisten Karl Marx, Josef Stalin. Alle diese Figuren sind keine Anomalien der abendländischen Kultur, sondern legitime Produkte der Tradition des absoluten Humanismus, Urenkel der Stoa.

Dies ist der grobe Umriß von Weinstocks bestürzenden Darlegungen, die man im einzelnen lesen muß, um einen Begriff von ihrer Umsichtigkeit zu bekommen. Ein Programm schließt sich nicht daran. Wiederzufinden, was vergessen war: das tragische Menschenbild Platons und Augustins – das allein ist wichtig genug und bewahrt vor jeder Programmatik.