Vor 1939 nahm die griechische Flotte unter den Seefahrenden Nationen absolut den achten, im Verhältnis zur Bevölkerungszahl sogar den vierten Rang ein. Ihre Einkünfte trugen – neben dem Fremdenverkehr und den Barüberweisungen der Auslandsgriechen in die Heimat – wesentlich zum Ausgleich der chronisch passiven Handelsbilanz Griechenlands bei. Diese Passivität ist nach 1945 noch gewachsen; die unsichtbaren Deviseneinnahmen aus den drei Quellen aber fließen heute spärlicher als vordem. Das müßte nicht so sein – was die Handelsflotte betrifft. Denn sie hat ihre Kriegsverluste nicht nur wettgemacht, sondern ihre Schiffszahl fast verdoppelt (1935/1952 von 642 auf 1107), ihren Gesamt-BRT-Bestand sogar mehr als verdreifacht (1935/1952 von 1,919 Mill. t auf 6,746 Mill. t); weitere 151 Schiffe mit rund 2 Mill. BRT sind zur Zeit von griechischen Reedern in Auftrag gegeben. Zugleich konnte der Schiffspark verjüngt und die Rentabilität durch die Verdoppelung der durchschnittlichen Schiffsgröße (von 3000 auf 7100 BRT) erheblich erhöht werden.

Dieser Aufschwung ist jedoch der griechischen Volkswirtschaft bisher nur wenig zugute gekommen. Fuhren 1935 vierzehn von fünfzehn griechischen Schiffen unter ihrer nationalen Flagge, so setzt heute nur eins von vier Schiffen die griechische Flagge; und zwar stand 1952 den 301 unter griechischer Flagge fahrenden Schiffen (mit 1 175 986 BRT) ein Flottenbestand von 806 Schiffen (5 570 446 BRT) gegenüber, die die griechischen Reeder unter den Flaggen Panamas, der USA, Großbritanniens, Liberias, Honduras’, Kanadas und u. a. Costaricas fahren ließen.

Diese beispiellose und der griechischen Volkswirtschaft sehr abträgliche „Emigration“ datiert aus dem zweiten Weltkrieg, da das Land von Deutschen und Italienern besetzt war. Die chaotischen Nachkriegsverhältnisse haben sie noch gefördert. Der erst 1949 niedergeworfene Aufstand der Kommunisten, der den wirtschaftlichen undsozialen Wiederaufbau um vier Jahre verzögerte, ließ es manchem griechischen Reeder angezeigt erscheinen, seinen Geschäftssitz in das sichere, von der Steuerschraube und der gewerkschaftlichen Kontrolle meist weniger heimgesuchte Ausland zu verlegen. Auch waren im Inland nicht die notwendigen Kredite zum Ausbau der Flotte aufzutreiben oder nur unter untragbaren Zinsbedingungen (zwischen 16 und 40 v. H.). In der Hauptsache war diese Auswanderung eine „Flucht vor der Drachme“, die – zu den „weichsten“ Währungen zählend – seit Kriegsende nicht weniger als fünf Abwertungen erlebte; ihre inflationäre Labilität, die ihren Außenwert jeweils weit hinter ihrem Binnenwert nachhinken ließ, nahm der Deviseneinfuhr jeglichen Anreiz. Schließlich zeigten sich die häufig und schnell wechselnden Athener Regierungen zu schwach, zu unfähig und manchmal auch zu wenig korrekt, um den Exodus der Handelsflotte wirksam zu unterbinden.

Das hat sich grundlegend geändert, seit im vorigen November Marschall Papagos, im Parlament gestützt auf die Vier-Fünftel-Mehrheit seiner „Hellenischen Sammlung“, das Staatsruder energisch in die Hand nahm. Neben der Steigerung der Ausfuhr und des Fremdenverkehrs zählt die Rückführung der griechischen Handelsflotte unter die heimatliche Flagge zu seinen vordringlichsten Zielen. Diese Reformen stellen sich um so gebieterischer, als der sich zunehmend verflüchtigende Dollarsegen in Zukunft nicht mehr zur Deckung des Handelsdefizits herangezogen werden kann.

Die wichtigste Operation hat die Regierung Papagos am 9. April mit der Abwertung des Außenkurses der Drachme (von 15 000 auf 30 000 je 1 $) bereits durchgeführt, die endlich eine realistische Relation zwischen ihrer inneren und äußeren Kaufkraft hergestellt hat. Ein endgültiges Urteil über das Gelingen dieses gewagten Experimentes ist noch verfrüht – die ersten Anzeichen sind jedoch nicht ungünstig: der Lebenskostenindex steigt erheblich langsamer und weniger heftig als nach den vier früheren Nachkriegs-Währungsreformen, die gleichzeitig verkündete Devisenamnestie hat der Nationalbank 8 Mill. gehorteter Dollars zugeführt; die Ausfuhr hat sich sichtlich belebt, während der industrielle Produktionsindex leicht fiel und die Arbeitslosigkeit eine geringe Zunahme erfuhr. Sollte es auf dieser Basis zu einer endgültigen Stabilisierung der Drachme kommen, dann wäre auch das größte – nicht das einzige! – Hindernis beseitigt, das der Heimkehr der griechischen Flotte bisher im Wege stand. Johannes Gaitanides