Wir hörten:

Soll der Erzähler die Wirklichkeit von heute abzeichnen oder soll er sie nur zum Anlaß für ein zeitlos gültiges Bild vom menschlichen Dasein nehmen? Unter Romanautoren, -kritikern und, last not least, -lesern ist das eine strittige Frage. Dem Funk stehen beide Möglichkeiten zur Verfügung: die realistische in der sogenannten „Hörfolge“, die poetische im eigentlichen Hörspiel. Beide müssen die Gesetze der dramatischen Form erfüllen, so daß also künstlerisch kein Rangunterschied zu bestehen braucht. Nur ist der Prüfstein für den geistigen Gehalt bei der Hörfolge die genaue Übereinstimmung mit den Tatsachen, die sie deuten will, beim Hörspiel dagegen die innere Wahrheit, die nur ein Gleichnis haben kann. Auf diese innere Wahrheit allein und nicht auf Wahrscheinlichkeit hat es Max Frisch, der Schweizer Dramatiker, in seinem Hörspiel „Rip van Winkle“ abgesehen, das vom bayerischen Rundfunk, dem Südwestfunk und Radio Bremen in Gemeinschaftsproduktion gesendet wurde. Daß ein angesehener Künstler nach einigen Jahren unerklärbarer Abwesenheit an seinen Wohnort zurückkommt, sich dort, obwohl ihn alle wiedererkennen, weigert, seine Identität anzuerkennen und erst durch ein Gericht dazu verurteilt werden muß, seinen Namen und seine bürgerliche Existenz wieder zu führen – das alles kann heute gar nicht wirklich vorkommen. Aber Frisch will auch nur ein Märchen erzählen, das Märchen von einem modernen Rip van Winkle, der vor einem Leben flieht, in dem er, wie so viele von uns, „eine Rolle spielte, die er sich selbst glaubte schuldig zu sein“. Da eine solche Flucht nur in der Phantasie möglich ist, läßt Frisch den Mann, dessen Wandlung man nicht wahr haben will, als Reaktion auf das Urteil einen wirklichen Mordversuch begehen, der die Gesellschaft zwingt, ihn unwiderruflich auszuschließen. Dies kunstvolle Spiel einer hochgeschraubten Intelligenz stellt der Funkregie eine schwere Aufgabe. Sie muß in diese Figuren Leben bringen, und das gelang vollkommen nur bei Rip van Winkles Frau, die Brigitte Horney spielte und nicht nur sprach.

Den Mut zur realistischen Einfärbung, der dem Münchner Regisseur mangelte, bewies Otto Kurth in seiner Inszenierung von Horst Mönnichs mit Erfolg auf das Einfangen von wirklichen Schicksalen bedachten Hörfolge „Hiob im Moor“ (NWDR). Hier wurde an dem Beispiel einer siebzig Mann starken Sippe von Batschkadeutschen gezeigt, wie solche Volksdeutschen Gruppen ihren Platz innerhalb der engen Grenzen der Bundesrepublik suchen mußten und fanden. Die gründliche Kenntnis des Lebens dieser Menschen, die jetzt das bayrische Moor urbar machen, und die virtuose Szenenführung ergänzten einander zu einem imposanten Bilde zäher Selbstbehauptung.

Wir werden sehen:

Sonntag, 28. Juni, 10.00 im NWDR:

Zum erstenmal gibt der deutsche Fernsehfunk seinen katholischen Teilnehmern Gelegenheit, einer sakralen Handlung mittels Bildschirm beizuwohnen: Aus der Basilika St. Gereon in Köln wird die Feier der hl. Messe übertragen.

Wir werden hören: