Pinay hat dreimal seit dem Ausbruch der Krise das Angebot Auriols abgelehnt, die Kabinettsbildung zu versuchen. Er wußte, daß die Widerstände in der Nationalversammlung gegen eine starke Regierung zu groß waren, und er verschmähte es, noch einmal halbe Arbeit zu tun wie während seiner ersten Amtszeit. Endlich scheint seine Stunde gekommen. Nach einem vierwöchigen Interregnum und nach vier vergeblichen Versuchen, Frankreich wieder eine Regierung zu geben, ist die öffentliche Meinung aufgebracht und die Nationalversammlung mürbe.

Regierungsbildungen pflegen. in Frankreich Ermüdungserscheinungen zu sein. Wenn die Krise lange genug gedauert hat, bewilligen die Abgeordneten dem neuen Ministerpräsidenten die Forderungen, deretwegen sie seinen Vorgänger gestürzt haben. Und das französische Volk findet sich leicht damit ab, eine Zeitlang keine richtige Regierung zu haben, das geschäftsführende Kabinett genügt ihm vollauf. Ja, diese Anarchie entspricht im Grunde seinem Wesen; solange sie durch eine gute Verwaltung in Grenzen gehalten wird. Ein schwacher, aber ordentlicher Staat ist das Ideal.

Nur in Zeiten der Not empfindet Frankreich das Bedürfnis, regiert und nicht nur verwaltet zu werden. Dann ertönt im Lande der Ruf nach dem stärken Mann, dem sich das Parlament aber, solange wie möglich widersetzt, da jede Stärkung der Regierung auf seine Kosten geht. Erst wenn die Abgeordneten den Wähler fürchten, beginnen sie nachzugeben, ohne darum aufzuhören, den starken Mann zu fürchten. Aus diesem Grunde haben sie Paul Reynaud und Mendès-France abgelehnt. Um die Finanzen sanieren zu können, wollte der eine die Verfassung, der andere die Außenpolitik ändern. Der eine verlangte anderthalb Jahre Regierungszeit oder Neuwahlen, wenn das Kabinett vorher gestürzt würde, der andere wollte den militärischen Beitrag Frankreichs zum Atlantikpakt herabsetzen und den Krieg in Indochina durch Verhandlungen beenden, um die finanziellen Lasten Frankreichs zu vermindern.

Beides war der Nationalversammlung, zu gewagt. Aber sie hat . sich auch nicht. mehr mit den Routiniers begnügt, die es allen recht machen wollen und daher alles beim alten lassen müssen. Aus diesem Grunde hat sie Georges Bidault und André Marie abgelehnt. Die gescheiterten Versuche von Paul Reynaud und Mendès-France waren nicht vergeblich. Sie haben das Bedürfnis nach etwas Neuem geweckt, nach neuen Männern und nach einer neuen Politik. Sie haben die Jugend auf den Plan gerufen und den Rahmen der alten Parteien gesprengt. Es waren die jungen Abgeordneten, die für Paul Reynaud und Mendès-France und gegen Bidault und André Marie stimmten. Aber Frankreich ist eine alte Republik, und die Jugend hat es schwer, sich gegen die Skepsis und Erfahrung der alten Parteiführer durchzusetzen. Paul Reynaud hat der Nationalversammlung und vor allem der öffentlichen Meinung ins Bewußtsein gebracht, daß Frankreich an einer Verfassungskrise leidet. Und Mendès-France hat ihr nicht minder eindringlich die Schwere der Finanzkrise klargemacht.

Die Maximallösungen, die beide vorschlugen, sind verworfen worden. Aber die Nationalversammlung weiß nun, daß es ohne eine gewisse Stärkung der Regierung und ohne eine gewisse militärische Bescheidenheit nicht mehr geht. Auriol hat die Krise meisterhaft bis zu der Minimallösung gelenkt, die Antoine Pinay darstellt. Er war es ja auch, der Anfang 1952 diesen fast unbekannten François moyen de bon sens entdeckte. Pinay ist genau der Typ, dem Frankreich sich in Notzeiten anvertraut. Es sind nicht die brillanten Politiker im Stile der Caillaux, Tardieu, Reynaud, Mendès-France, Mayer oder Faure, an denen Frankreich so reich ist, es-sind die viel selteneren Männer vom Schlage Poincarés, Queuilles oder Pinays, zu deren Rechtschaffenheit es, in der Not seine Zuflucht nimmt. Pinay hat das Volk hinter sich, das haben die Gemeindewahlen vom 23. April bewiesen. In ihnen hat Pinay auf Kosten de Gaulles gesiegt, und seitdem folgt ihm ein Teil der abtrünnigen gaullistischen Abgeordneten, was ihm ermöglichen könnte, seine Mehrheit nach rechts zu erweitern. Frankreich hat in diesen Wahlen den David Pinay dem Goliath de Gaulle als Retter vorgezogen. Die Frage ist, ob auch die Nationalversammlung Pinay einem stärkeren Mann vorzieht. Paul Bourdin