Zu den bemerkenswerten publizistischen Äußerungen aus Anlaß des siebzigsten Gedenktages von Wagners Tod gehört eine umfangreiche Studie, die kürzlich im Atlantis-Verlag Zürich erschien: Othmar Fries „Richard Wagner und die deutsche Romantik. Versuch einer Einordnung“ (224 S.).

So, wie man sich das Thema vom Titel her zunächst vorstellt, ist es ganz gewiß nicht neu; denn daß der Bayreuther eine Gipfelerscheinung der romantischen Epoche war, ist schon oft genug gesagt, bewiesen und erläutert worden. Das Besondere dieses Buches liegt in der wissenschaftlichsachlichen Untersuchung der direkten organischen Zusammenhänge zwischen der Wagnerschen Geisteswelt und den wesentlichen geistigen Tendenzen derjenigen Literatur, die speziell als Quelle und Urgrund der romantischen Situation angesprochen werden muß und deren bedeutendste Namen Wackenroder, Tieck, Schlegel; Hoffmann und Novalis lauten. Die romantische Situation, wie wir sie meinen, kann nicht treffender charakterisiert werden als mit der diagnostischen Formel: „Entgrenzung des Geistes.“ Von hier aus wird – sine ira et studio – ersichtlich, eine wie eminent deutsche Angelegenheit diese Romantik doch war und wie spezifisch „deutsch“ daher das menschliche und künstlerische Phänomen Wagner sich im Guten wie im Bösen präsentieren mußte. Fries setzt auf diese Feststellung beileibe keinen polemischen Akzent. Sie schält sich vielmehr ganz von selbst aus seiner ruhigen Bestandsaufnahme. Wenn man aber bedenkt, welche zerstörerische Unordnung jene „Entgrenzung des Geistes“ in unserer Zeit noch bewirkt hat, so versteht man rückschauend sowohl den Irrtum gewisser allzu realistischer Irrationalisten, Wagners Genie für ihre verderbliche Sache zu reklamieren, wie auch den abgründigen Haß gewisser ressentimentgeladener Emigrantenseelen, mit dem sie sich besagten Irrtum zu eigen machen. Daß es in dem permanenten „Fall Wagner“ politischer Argumente nicht nur nicht bedarf, sondern daß mit ihnen hier gar nichts auszurichten ist, könnte für den Augenblick die wertvollste Lehre der überaus gründlichen und schlüssigen Studie sein.

Mit „Richard dem Zweiten“ beschäftigt sich eine andere Neuerscheinung: Otto Erhardt „Richard Strauß. Leben, Wirken, Schaffen.“ (Verlag Otto Walter AG., Olten und Freiburg i. B., 384 S.) Der Autor ist einer der begabtesten Opernregisseure der Gegenwart. Hans Pfitzner, dessen Ansprüche in diesem Punkte gefürchtet waren, hat ihn, neben dem Dirigenten Bruno Walter, als einzigen genannt, dem er seine Werke ohne Bedenken anvertrauen würde; er hat sich übrigens auch sehr hartnäckig, wenn auch erfolglos, für Erhardt eingesetzt, als es noch möglich schien, ihm das Schicksal der Emigration zu ersparen. Jetzt also legt der hauptsächlich dem klassischen Kunstideal und dem romantischen Weltgefühl verpflichtete Spielleiter diese Strauß-Monographie vor, deren interessanteste Partien begreiflicherweise in den (zum Teil sehr eingehenden) dramaturgischen Analysen zu finden sind. Wenn dadurch manche der so absichtsvoll Geheimnis vorgebenden Handlungen, die Hofmannsthals grübelnder Ästhetizismus dem Großmeister des dekorativen Opernspektakels zur Entfaltung seiner musikartistischen Zaubermittel zur Verfügung stellte, nicht klarer werden (obschon sich Erhardt dabei weitgehend an die authentischen Quellen wie den Briefwechsel Strauß–Hofmannsthal und zweifellos auch an zahlreiche persönliche Mitteilungen aus gemeinsamer Probenarbeit hält), so zeigen diese Kapitel doch um so gewinnender den Ernst eines hervorragenden Interpreten in der Bemühung um die richtige Deutung des Werkes, das er versinnlichen soll. Dabei gibt auch der künstlerische Denker Erhardt dieselben Qualitäten zu erkennen, die den Opernregisseur Erhardt zu einem Unikum unter seinen lebenden Zunftgenossen machen: ihm ist es nicht um ausgedachte „Wirkungen ohne Ursache“ zu tun (wie Wagner den Begriff des „Effekt“ vortrefflich erklärte), sondern ihm kommt es stets allein auf die volle innere Wahrheit der szenischen Gestaltung an. Daß der geborene Theatermann in der Sphäre der reinen Instrumentalmusik weniger zu Hause ist, lassen seine Erörterungen über die Programmusik erkennen, die am Kern des Problems mit rührendem Willen zum positiven Befund vorbeigehen.

Im Ganzen genommen reiht sich das Buch würdig in die offiziöse Strauß-Literatur ein, liest sich gut und vermittelt in Einzelheiten insbesondere dem lesenden Laien manche schätzenswerte Belehrung. Im Anhang findet der Schallplattenfreund eine von Bernardo Cohn zusammengestellte vollständige „Discographie“ (Register der verfügbaren Plattenaufnahmen Straußscher Kompositionen). A-th