Unerwartet ist der griechische Ministerpräsident Papagos mit seinem Außenminister zu einem Staatsbesuch in Ankara erschienen. Eine der vom Kreml losgesandten Friedenstauben war auf der Akropolis niedergeflattert. Sie überbrachte das Angebot der Wiederherstellung normaler diplomatischer Beziehungen. Seit der Niederwerfung der Marko-Revolte 1949 ist der sowjetische Botschafterposten in Athen unbesetzt. Papagos hat um so mehr Veranlassung, sich mit seinem türkischen Verbündeten über die einzuschlagende Taktik zu verständigen, als auch in Ankara ein sowjetisches Angebot vorliegt. Es beschränkt sich nicht nur auf Formalitäten und hat eine interessante Vorgeschichte.

Seit der denkwürdigen Unterredung Molotows mit Hitler im November 1940 – „mit der Türkei haben wir noch ein Hühnchen zu pflücken“, sagte Molotow damals – hat der Kreml mehrfach gezeigt, wie sehr er von dem alten russischen Drang nach Konstantinopel erfüllt ist. Für die Verlängerung des Freundschaftsvertrages mit der Türkei forderte er in bekannter Bescheidenheit eine „gemeinsame Verteidigung“ der Meerengen und die Abtretung von drei Grenzprovinzen, die vom Zarismus 1878 erobert und von Lenin an die Türkei zurückgegeben worden waren.

Heute hat Moskau seine Annexionsabsichten und seine maßlose Sprache, vergessen. Es möchte wieder einen Nichtangriffspakt mit der Türkei abschließen und einer Revision des Montreaux-Abkommens über die Meerengen zugunsten der Türkei zuzustimmen. Von Stützpunkten in den Dardanellen ist nicht mehr die Rede.

Griechen und Türken können und werden; sich nicht gegen eine Normalisierung der Beziehungen mit der Sowjetunion sträuben. Aber wenn Moskau geglaubt hat, damit einen Hieb gegen die NATO und den Balkanpakt führen zu können, so dürfte es sich täuschen. H. L.