Von Richard Ott

Die 1. Norddeutsche Tagung des Bundes deutscher Kunsterzieher, die soeben in Hannover blendet wurde, warf viele Fragen zu dem Thema „Kind und Kunst“ auf. Der Leiter der Schule der Kunst im Amerikahaus in München schildert in nachstehenden Aufsatz seine Erfahrungen. Dir Verfasser ist der Gründer des Museums für kindliche Kunst in München und Mitarbeiter an den von der Unesco in Auftrag gegebenen Internationalen Handbuch der Erziehung, an dem auch Henry Matisse und Herbert Read mitwirken.

Das wirkliche Leben und wirkliche Geheimnisse sind niemals Ergebnisse der Vereinbarungen, die Menschen treffen, um miteinander leben zu können. Sie entstehen in der Stille der Freiheit und werden Oberfläche in der Kunst. Die künstlerischen Erfolge des Kindes werden durch ein Urwesen erklärt, das in jeder echten künstlerischen Gestaltung lebt, das die Schranken zwischen Nationalitäten und Kunstzeitaltern aufhebt, und das die Kunst des Kindes mit der uns bekannten alten und neuen Kunst vergleichbar macht.

Die Kinder lassen sich beim Malen ebenso von dem, was auf dem Papier oder der Leinwand entsteht, überraschen wie die Künstler, sie ändern dementsprechend ihren Arbeitsplan, machen ihre eigenen Entdeckungen und vermehren damit den Reichtum an Formen und Klängen. Dämonie und Komik liegen hier nahe beieinander, und oft weiden die Kinder nach beiden Seiten hin neugierig wie die Ziegen.

In Zeiten (wie der unseren), in denen die Kunst häufig genug in das philosophische Experiment oder in taktischen Ausstellungsbetrieb gedrängt wird (Hand aufs Herz, ihr Maler, wer von euch hat noch niemals Bilder für Ausstellungen gemalt?), ist es besonders erfrischend, sich den Urphänomen der Kunst zuzuwenden. Die künstlerische Welt des Kindes ist noch Natur und schon Kunst, und da in ihr beide Prinzipien im gleichen Sinne wirken, fällt hier der Anfang der Kunst mit der theoretischen Vorstellung von ihrer Vollendung zusammen. Es ist daher für viele Eltern und Lehrer überraschend und für manche Künstler bedrückend zu sehen, wie Kinder Kunstwerke hervorbringen. Diese sind in der Seele des Kindes schon da, sie brauchen nur ans Licht der Welt gebracht zu werden. Solange sie noch in der Seele des Kindes schlummern, haben sie keine Aktivität, wenn sie heraustreten, haben sie jede Aktivität, und unmittelbarer als manches Wert der Kunst der Erwachsenen sprechen sie uns an.

Psychische Ereignisse bringen die ruhende künstlerische Energie des Kindes in Bewegung. Ahnungsvoll wird sich die in Freiheit gesetzte kindliche Seele ihrer Kräfte inne. Das ist „des Kindes gegenwärtiges Glück“, wie der Philosoph Fritz Mauthner es nennt. Mit einem Teil dieser – im Wesen gleichen – Kräfte steuert der Künstler die eigen? Entwicklung, was das Kind nur begrenzt kann, und oft scheint es, daß es gar nicht kann. Der künstlerische Ausdruck des außergewöhnlichen Kindes, der die wahre Natur des Kindes deutlicher zeigt als die konventionelle „Kinderzeichnung“, läßt uns tief einblicken in die kindliche Seele. Ob wir die Vorgänge, die sich hier abspielen, in das allgemeine Bild der Entwicklung der Kunst und das Entstehen der Kunstwerke werden einordnet können, ist noch ganz ungewiß, denn schon die Erfindungen der modernen Kunst haben innerhalb des künstlerischen Ausdrucks die Grenzen zwischen „bewußt“ und „unbewußt“ fließend gemacht, und die Erfindungen der Kinder machen sie noch fließender. Was wissen wir schon vom Unbewußten und warum haben wir dafür nur eine Bezeichnung, die die Verneinung des Bewußten ist? Kunst ist kein durch Überlegung festgelegter Bezirk, sie ist vielmehr das Leben der Künstler, wie kindliche Kunst das Leben der Kinder ist. Mit den unbestimmten Mitteln der Kunst kann nun auch das Kind zum Untätigsein fähig gemacht werden. Dieses Untätigsein ist das Höchste, was der Künstler erreichen kann; und aus dem Zustand heraus gibt es erst eine wirkliche Entwicklung. In der Sprache der Pädagogik heißt das Begünstigung des Reifungsvorganges, denn äußere Erregung und Stillstand innerer Entwicklungstendenzen entsprechen sich wie Gelassenheit und inneres Wachsen, bei dem das zarte Innere der Seele sich verändert, Der Kunstunterricht der Künstler entwickelt daher die zarten Strukturen der kindlichen Seele, die verhärteten, äußeren Strukturen zerstört er. Die belebende und zerstörende Kraft ist die psychische Ausstrahlung des Künstlers.

Erscheinungen beim farbigen Ausdruck wurden zuerst bei Kindern, deren geistige und seelische Entwicklung der (übliche) Schultunterricht hemmte, entdeckt. Es zeigte sich ein Zusamenhang zwischen den Körperfarben und dem farbigen Ausdruck beim Malen. Die von E. Kretschmer aufgestellten Typen waren im farbigen Ausdruck und in der Verwendung graphischer Mittel zu erkennen. Neben den bekannten Haupttypen der Kretschmerschen Typologie konnten Mischtypen und „Legierungen“ deutlich in Nuancen nachgewiesen werden. Als Beispiel: zwei rotblonde Knaben – der eine mit grünblauen, der andere mit graublauen Augen – malten innerhalb eines Jahres etwa vierzig Aquarelle. Die ersten davon waren uncharakteristisch, die folgenden zeigten die Basis „rotblond“ in der Farbenwahl, die letzten eine Differenzierung der Farben auf der Basis „rotblond“ in grünblau und graublau. Die Hereinnahme der körperlichen Eigenschaften in die pädagogische Betrachtung wird also notwendig. Es scheint, daß das Phänomen des farbigen Ausdrucks in einer tieferen Schicht zu suchen ist, als in denen, die bisher von der psychologischen Forschung erreicht wurden. Vom Gesichtspunkt des Konventionell-Schönen und des Dekorativen her ist es nicht mehr zu erklären. Farbe ist mehr als das Wort urtümliches Ausdrucksmittel des Kindes. Das Kind ist hier im höchsten Maße frei, zugleich aber gebunden an sich selbst. Es empfindet die Bindung nicht, denn in ihr vollzieht sich die Einordnung in das Ganze der organischen Welt und es genießt das Freisein, da es dessen Grenzen nicht kennt, mit einem Glücksgefühl ohnegleichen.

Je näher die Produktion eines Kindes an ein Urphänomen der Kunst (Giotto, Grünewald, Rembrandt, Cézanne) herankommt oder ein unbekanntes ahnen läßt, desto größer ist die seelische Kraft, die hinter dieser Produktion steht. Je diffuser und zerfahrener der künstlerische Ausdruck ist, desto mehr heben sich die Kräfte in der Seele des Kindes auf. Die amorphe Produktion des konventionell zeichnenden Kindes ist so belanglos wie der Postkartenkitsch. Diese Kinder haben nicht das Strahlungsvermögen, das den künstlerischen Menschen sofort erkennen läßt. Der Ausweis der Echtheit – Vollendung krönende Unvollkommenheit – ist auch bei den Malereien der Kinder gültig, Sie ist das Signum der Individualität.

Kleine Nachschrift: Es ist natürlich nicht zu hoffen, daß sich im praktischen Schulunterricht die an Modellen gemachten Erfahrungen voll auswirken. Aber es wäre gut, mehr Modelle aufzustellen. Damit meine ich, daß „Schulen der Kunst“, in den größeren Städten gegründet werden sollen. Das sind Schulen, die aus drei oder vier Ateliers bestehen, in denen die Kinder malen und modellieren können. Die Kinder kommen freiwillig und sind nicht an den regelmäßigen Besuch der Schule gebunden. Das bißchen Material, Leimfarben, unbedrucktes Zeitungspapier und eine Kiste mit feuchtem Ton ist außer den Mal- und Modelliergeräten eigentlich alles, was man dazu braucht. Man braucht auch einen Maler oder Bildhauer, der an drei Nachmittagen (das genügt) unterrichtet, und einen Studenten, der jeden Nachmittag da ist; denn die Instandhaltung und Ergänzung des Materials ist Grundbedingung für eine so freie Schule. Daß es eine solche Schule gibt, kömmt dann ins Stadtgespräch und die Kinder kommen von ganz allein. Es werden Kinder darunter sein, die täglich kommen wollen. Das sind die Meisterschüler. Sie malen, während der Student an den technischen Vorbereitungen für den Unterricht am nächsten Tage arbeitet. Die Kinder fühlen sich wie in ihren Privatateliers, und das ist für diejenigen unter ihnen, die in kleinen Wohnungen leben und denen die Sache am Herzen liegt, ein unschätzbares Geschenk. Der Student könnte ein Studierender des künstlerischen Lehramtes sein, der monatlich von einem seiner Mitstudierenden abgelöst wird.

Der Maler oder Bildhauer, oder der, der eben die Schule macht, sollte nicht jeden Tag da sein! Besonders, wenn er eine starke und scharf profilierte Persönlichkeit ist. Für viele Kinder ist der Nachhall am nächsten Tage wichtiger als die Unterrichtsstunde selbst. Kinder vollen Ruhe haben.

Ausstellungen der Schule sind für sie so wichtig wie Kunstausstellungen für die Künstler. Der Kritiker wird in ihnen manches wiedersehen. Der uns noch so unbekannte Gegenstand klärt sich nämlich in einer Reihe von Ausstellungen. Im Zusammenhang mit den Unternehmungen ähnlicher Art in anderen Ländern helfen sie ein internationales’ Museum für kindliche Kunst, das von einer Union der Künstler geleitet werden soll, vorzubereiten.