Dies in sich selbst sinnvolle Tun hat tausend konkrete Gestalten. Eine besonders ehrwürdige, eine auch in besonderem Maße vergessene Gestalt ist die religiöse Kontemplation; das betrachtende Sich-Versenken in die göttlichen Mysterien. Eine andere ist die philosophische Besinnung, die ja beileibe nicht auf eine akademische Spezialdisziplin beschränkt gedacht sein will; jedermann, dem in der Bedenkung menschlicher Taten und Lebenslaufe die Unergründlichkeit von Schicksal und Geschichte oder in der hingegebenen Betrachtung einer Rose oder eines Menschenantlitzes das Geheimnis der Schöpfung entgegentritt – jedermann nimmt insofern teil an dem, was die großen Philosophen seit je bewegt hat. Wieder eine andere Gestalt jenes Tuns ist das Bilden des Künstlers, der ja nicht auf die Herstellung von Abbildern aus ist, sondern darauf, das Urbildliche der Weltdinge, das er zu sehen vermochte, in Sprache, in Tönen, in Farbe und Stein sichtbar und tastbar zu machen. Aber auch wer das Dichterische in einer Dichtung als Hörer erfaßt, wer ein Bildwerk auf die vom Künstler eigentlich beanspruchte Weise betrachtet, auch der bloße Zuhörer und Beschauer gewinnt, wenn es mit rechten Dingen zugeht, den kontemplativen Kontakt zur Mitte der Welt, zum Bezirk der ewigen Urbilder. Wenn es mit rechten Dingen zugeht – hier steckt die Schwierigkeit. Es ist exakt die schon genannte Schwierigkeit: all diese Formen der betrachtenden Zuwendung zur Welt überhaupt als „in sich selbst sinnvoll“ vorzustellen, zu erfahren und einfach zu realisieren. Sollte diese Schwierigkeit nicht der tiefere Grund sein für die fortschreitende Isolierung des Künstlers, des Dichters, aber ebenso des Philosophierenden und erst recht des religiöser Kontemplation hingegebenen Menschen?

Man kann nun das in sich selbst Sinnvolle nicht tun, es sei denn in der Haltung des empfangenden Offenseins und des hörenden Schweigens – in einer Haltung also, die der Arbeitshaltung, das heißt der Haltung angespannter Aktivität, genau entgegengesetzt ist. Es gehört zu den menschlichen Grunderfahrungen, daß die großen und beglückenden Dinge des Lebens zwar vielleicht nicht ohne unsere eigene Anstrengung, aber dennoch nicht durch diese Anstrengung zustande kommen.

Hier aber deutet sich eine zweite, noch tiefere, noch mehr dem willkürlichen Zugriff entzogene Voraussetzung an, ohne welche das schlichte Tun des in sich selbst Sinnvollen gar nicht erwartbar ist, oder vielmehr: ohne welche nicht erwartbar ist, daß die schauende Berührung des Urgrundes als in sich selbst sinnvoll erfahren werde – geschehe sie nun in der Gestalt der Dichtung, der Musik, der bildenden Kunst, der philosophischen Besinnung, der religiösen Kontemplation. Diese zweite Vorbedingung ist, kurz und abkürzend gesagt: der Mensch müsse fähig sein, ein Fest zu feiern. Was aber gehört dazu, ein Fest zu feiern? Zweifellos mehr als ein arbeitsfreier Tag! Es gehört dazu, daß der Mensch, aller Welt-Unstimmigkeit zum Trotz, ja, selbst durch einen Schleier von Tränen hindurch, den letzten Sinn-Grund der Welt bejahe und sich mit ihm in Übereinstimmung und von ihm umfangen wisse, Diese Bejahung, diese Übereinstimmung, dies Sich-umfangen-Wissen auf eine unalltägliche Weise daneben – eben das haben die Menschen seit eh und je ein „Fest“ genannt. Nur von dieser ursprünglichen Zustimmung her kann inmitten des werktäglichen Arbeitslebens der freie Atemraum entstehen, in welchem der Mensch, seiner Notdürfte vergessend, das in sich selbst Sinnvolle zu tun vermag. So kommt es andererseits, daß alle Gestalten dieses „freien“ Tuns, vor allem seine musischen Gestalten, von Natur festlichen Charakter haben, solange in ihnen nur noch eine Ahnung von jener fundamentalen Bejahung lebendig ist. Wenn sie freilich völlig erlischt, dann muß alle „Freizeitgestaltung“ eine andere, eine noch atemlosere und geradezu verzweifelte Form der Arbeit werden. Daß dies nicht eine irreale Vorstellung ist, bedarf kaum des Beweises. Und auch dies ist, scheint mir, unserer Erfahrung nicht völlig fremd: daß gerade das künstlerische Tun entarten könnte, entweder zu einer müßigen, substanzlosen Spielerei oder zu einer neuen, raffinierteren Form von Betriebsamkeit, Geschäftemacherei und Unrast – wenn es sich nicht einfach zur bloßen „Unterhaltung“ erniedrigen läßt, die den Menschen dazu verführt, sich in den Werktag einzusperren und es sich darin bequem zu machen.

Wo immer aber die Künste aus der festlichen Kontemplation des Weltganzen und seines Urgrundes leben, da kommt in der Tat so etwas wie eine Befreiung, zustande, ein Hinaustreten unter den freien Himmel – sowohl für den schaffenden Künstler selbst, wie auch für den schlichten Betrachter. Dieser Befreiung aber, dieser Vorahnung der letzten und äußersten Stillung bedarf der Mensch fast noch mehr als des Brotes, das unentbehrlich ist und zugleich ungenügend.

Eben das scheint mir der Sinn des alten Satzes aus der Nikomachischen Ethik zu sein: „Wir arbeiten, um Muße zu haben.“