Der Versuch, den Ladenschluß am Sonnabend bis in den späten Nachmittag herauszuschicken, hat jetzt in München zum zweiten Male zu einem großen und keineswegs spontanen Aufstand der Straße geführt. Das Kaufhaus Brenninkmeyer (und außer ihm einige andere Firmen) hatten im Laute des Juni beschlossen, wie in anderen Städten so auch in München den Verkauf am Sonnabend nicht um 14 Uhr abzuschließen, sondern bis 17 Uhr fortzusetzen. Und zwar mit der Begründung, die arbeitende Bevölkerung müsse Gelegenheit haben, am freien Sonnabendnachmittag in aller Ruhe Einkaufe zu machen. Die gesetzliche Grundlage ist vorhanden, denn noch ist die Arbeitszeitverordnung von 1938 gültig, die sich darauf beschränkt, den Verkauf in den Nachtstunden von 19 Uhr bis 7 Uhr früh und an Sonntagen zu verbieten. Ein Entwurf des Arbeitsministeriums für eine neue Regelung ist bisher noch nicht durch den Bundestag gekommen. Das Recht der Firma Brenninkmeyer, ihr Geschäft offenzuhalten, steht daher außer Frage und wird in anderen Städten auch ohne Störung in Anspruch genommen.

Als die Firma diesen Entschluß aber in München ankündigte, kam es am 13. Juni unter der Führung des Deutschen Gewerkschaftsbundes zu einer Demonstration, an der mehr als 10 000 Personen, Angestellte des Münchener Einzelhandels, gegen die Verlängerung der Verkaufszeit am Sonnabend protestierten. Der Gewerkschaftsbund und die Deutsche Angestellten-Gewerkschaft befürchten nämlich, daß durch die Verlängerung der Verkaufszeit mit der Zeit den Angestellten des Einzelhandels der freie Sonnabendnachmittag überhaupt verlorengehen könnte. Schon bei dieser Demonstration am 13. Juni kam es zu wüsten Szenen, ein Angestellter des Kaufhauses Brenninkmeyer namens Advena, der sich auf der Terrasse eines gegenüberliegenden Cafés befand und auf dessen Anwesenheit ein Lautsprecherwagen aufmerksam machte, wurde schwer verprügelt. Von bayerischer Gemütlichkeit war schon bei dieser Gelegenheit keine Rede mehr.

Sehr viel schlimmer aber wurde die Sache noch, als die Firma Brenninkmeyer am letzten Sonnabend ihren Entschluß wahrmachte und das Waren-, haus offenhielt. Der DGB, der zunächst angekündigt hatte, er werde das Betreten des Warenhauses durch eine Mauer von Menschen verhindern, scheint im Laufe der Woche Bedenken bekommen zu haben, jedenfalls sagte er seine Kundgebung ab mit dem Hinweis auf die Eröffnung der Münchener Verkehrsausstellung, die nicht beeinträchtigt werden solle. Trotzdem kam es aber kurz nach 14 Uhr vor dem Kaufhaus erneut zu umfangreichen Demonstrationen, die diesmal offensichtlich von der KPD und FdJ gesteuert wurden. 20 000 Menschen drängten sich in der Kaufingerstraße und Umgebung zusammen, bombardierten die Polizei mit Steinen, Metallstücken, Bleirohren und Dachziegeln, so daß eine Hundertschaft nach der anderen eingesetzt werden mußte, bis zuletzt nicht weniger als 1300 Polizisten im Einsatz waren. Offensichtlich hat die KPD die Gelegenheit, zu einer anscheinend legalen Demonstration aufzumarschieren, sofort ergriffen, um eine Aktion einzuleiten, die einer Revolte schon sehr ähnlich sah. Kommunistische Demonstranten halten sogar rechtzeitig Dächer besetzt, um von dort aus ein wirksames Bombardement durchzuführen, bis schließlich ein Dach so demontiert war, daß es einer Ruine glich. Innerhalb von zwei Stunden hatte der Tumult die Form einer Straßenschlacht angenommen, die von der Polizei nur unter größter Mühe unterdrückt werden konnte.

Man darf annehmen, daß es den Kommunisten darum ging, in München, das in der Vergangenheit der Schauplatz schon mancher Revolte war, wenigstens optisch ein Gegengewicht gegen den Aufstand in der Ostzone zu schaffen. Die schweren Tumulte vom letzten Sonnabend sollten eine Warnung für alle diejenigen sein, die gern Straßendemonstrationen veranstalten, deren Führung dann leicht in die Hände der radikalsten Teilnehmer übergeht. „Noch einige solcher Siege (der Polizei)“, sagte ein Münchener Beamter am Sonnabendabend, „und das Ansehen der Demokratie ist vernichtet.“ In Polizeikreisen spricht man von einem „Auftakt“, und fordert im Interesse der Staatssicherheit dringend eine „moralische Rückenstärkung“ für die Polizei.

Bei der Demonstration war allerlei zu beobachten, was in der Presse nicht vermerkt wurde. Besondere Wut erregte der von den Agitatoren oft wiederholte Hinweis, daß die Firma Brenninkmeyer grundsätzlich nur katholische Angestellte beschäftigt. Das „katholische München“ ist nämlich keineswegs „klerikal“. Als ein Mann mit rheinischem Dialekt versuchte, die Menge zu beschwichtigen, wurde er beinahe gelyncht. H. P. L.