Nicht aus Snobismus hatte man um die Eröffnungsrede der Ausstellung „Lebendige Goldschmiedekunst in Stuttgart einen Dichter, Otto Rombach, gebeten und ein kultiviertes Privathaus als Rahmen gewählt. Die „Internationale Gesellschaft für Goldschmiedekunst“ wollte damit das schaffen, was das Edelmetallgewerbe zum Gedeihen braucht, die persönliche Beziehung zum Gold und Silber als „edlem“, nicht aber als wertvollem Metall.

Daß Dichter gewöhnlich nicht mehr von Gold und Silber, edlen Steinen sprechen, ist nicht nur ein Symptom der Verarmung – auch früher waren sie selber meist die letzten, die dergleichen kaufen konnten – es spricht daraus eine Beziehungslosigkeit zu allem, was Glanz und Pracht ist. Sie sind verdächtig, und auch wer sich ein Kollier zu 100 000 DM leisten kann, wählt, wenn er modern sein will, die „schlichte Form“. Und da „schlichter Schmuck“ letzten Endes so etwas ist wie hölzernes Eisen, so entsteht hier das Dilemma des Goldschmieds wo er ausgesprochen „moderne“ Formen sucht – deren Vorbild in ganz anderen Bezirken des Kunsthandwerks liegt – da entsteht ein gewisser asketischer Zug wie bei Elisabeth Treskow-Köln, oder er muß auf historische Stile zurückgreifen; in der kirchlichen Kunst greift man bis auf die Romantik zurück; beim Schmuck schlägt merkwürdig oft der Jugendstil wieder durch. Im Ausgleich von Glanz und Strenge fällt die Monstranz von Max Olofs-München, im Ausgleich von Tradition und neuen organischen Formen das Werk von Jan-Eloy Brom auf, Leiter einer echten Familien-Werkstatt für Kirchenkunst in Utrecht und diesjährigem Empfänger des Ehrenrings der Gesellschaft für Goldschmiedekunst. Sehr gediegen wirkt beim kostspieligen Schmuck der Züricher Meinhard Burch-Korrodi, der vorjährige Ehrenringträger. Gewonnen haben durch das Suchen in den verschiedensten Richtungen alte, lange vergessene Techniken: der runde, „muggelige“ Stein, der über dem Facettschliff seit der Gotik zu kurz kam, die Granulierung, in der Wilm-München, der Steinschnitt, in dem Seitz-Passau Meister ist, das Njello und vor allem das Email, das in kleinsten Details beim Schmuck, in schillernden Flächen bei Schalen und Dosen, figürlich beim Kirchenkreuz sehr interessante, im besten Sinn lebendige Arbeiten ergibt.

Im betont sachlichen Rahmen der „Fachschule für das Edelmetallgewerbe“ zeigt die gleichzeitige Ausstellung Modernes Silber“ in Schwäbisch-Gmünd, wie das Silber, das seine Bedeutung als Kapitalanlage verloren hat, zum schönsten der Gebrauchsmetalle geworden ist. Als Service, Besteck, Vase und Dose hat die handwerkliche Produktion Formen entwickelt, die ihren Reiz aus Handlichkeit und Schwung der großen Linie beziehen, auf das Ornament meist ganz verzichten und häufig nicht poliert, sondern „mattgebürstet“ die eigentümliche Farbe des Metalls zur Geltung bringen. Bahnbrechend war hier der Schwede Graf Fleming mitGefäßen von kühler, fast klassischer Strenge. Seither hat man überall gute Lösungen gefunden; beim Besteck sucht man in gedrungeneren Formen nach der besten „funktionellen“ Lösung (Wagenfeld-Stuttgart etwa mit seinen schaufelartigen Gabeln und lancettförmigen Messern), bei den Kannen und Gefäßen spürt man schon wieder die Abwendung vom rein Funktionellen; manches wirkt hier gewaltsam „neu“: eine Kanne von Burch-Korrodi mit dünner Sanduhr-Taille und der spielerische Primitivismus, mit dem Italien vertreten ist. Die deutschen Arbeiten halten zwischen Funktion und Spiel meist eine gute Mitte. Es gibt auch ausgezeichnete Entwürfe für die industrielle Serienproduktion. Wenn es schwerfällt, sie durchzusetzen, so liegt das teilweise an der konservativen Haltung des Käufers, der vom Silber „Repräsentation“ verlangt und das Repräsentative mit den Historischen verwechselt; es liegt aber teilweise auch an technischen Eigenheiten: die Serie muß sehr groß genommen werden und braucht eine lange Anlaufszeit. Tatsächlich ist es aber im Gebrauchssilber gelungen, das „Moderne“ und das „Repräsentative“ zu vereinen, wie es dem Möbel, Porzellan, Glas genau so gelungen ist. Daß leise und bescheiden, in gekerbten Henkeln, aus Silberdraht gedrehten Füßen, das lange verschmähte Ornament wieder auftaucht, mag auch dazu beitragen, das Silbergerät in der Wohnung, auch außerhalb des Glasschranks, wieder heimisch zu machen. Vielleicht taucht es dann sogar wieder in den Gedichten auf. Cl. Menck