Im Refektorium der Kirche Santa Maria delle Grazie in Mailand drängten sich einst fast ständig die Besucher vor der Stirnwand, die Leonardo da Vincis „Letztes Abendmahl“ trägt. Der Raum wurde im August 1943 von Bomben zerstört, aber das „Abendmahl“ blieb erhalten, Sandsäcke hatten die Mauer vor Splittern; geschützt. Dann aber, als das Refektorium wiederhergestellt war, zeigte sich deutlicher noch als in den Jahren vor dem Krieg, daß Leonardos Meisterwerk stets mehr und mehr verblaßte. Seit langem schon stand es unter Obhut der Restauratoren; seit langem wurde die Wand geheizt, damit Temperaturschwankungen den Farben nicht schadeten. Und immer sah man auch jene Apparate, die man in Deutschland „Heizsonnen“ nennt, dieses vielleicht berühmteste Bild der Christenheit bestrahlen. Immer wieder hörte man auch von Versuchen des Restaurators Mauro Pellicioli, das Bild zu retten. Zuletzt war dem Publikum der Zugang zum Refektorium versperrt. Doch endlich hörte man, das Werk sei gerettet. Und nicht nur dies: Mauro Pellicioli habe es vermocht, die Farben wiederherzustellen, wie sie vor 500 Jahren gewesen sind.

Er hat den Schleier aus Dunst, Schmutz und mikroskopischen Pilzen weggenommen, aber auch viele ungeschickte Übermalungen, die ein leuchtendes Blau in fahles Grün, impressionistische Spiegelungen und Leonardos dolce sfumato in matte Eintönigkeit verkehrten. Die Risse in der Wand freilich, die schon bald nach der Vollendung des Bildes auftraten, die hat er nicht beseitigen können. Aber sie wirken nicht störend.

Das deutsche Generalkonsulat in Mailand und die Direktion des Museo della Brera, Frau Dr. Wittgens, hatten es vermittelt, daß ich unter der Führung des Kurators Dr. Russoli das Gemälde aus nächster Nähe sehen und betasten durfte. „Legen Sie Ihre Hand auf diese Farben!“ sagte er. „Hier – das ist Leonardo. Daneben, die matten Flecken, das ist noch alte Übermalung. Aber bald wird alles fertig sein.“

Das Bild war nicht in Öl, sondern mit Temperafarben gemalt worden. In Öl sind die Übermalungen ausgeführt worden. Das gab Pellicioli einen weiteren Anhaltspunkt für die Auferweckung des ursprünglichen Werkes.

„Che equilibrio luminoso!“ sagte Dr. Russoli. Welch ein Gleichgewicht des Lichtes, welch Gleichgewicht leuchtender Farben! Er wies auf das Geschirr und die Gläser auf dem Abendmahltisch: Das tiefe Blau der Apostelgewänder spiegelt sich in ihnen; es spiegelt sich auch der lebendige Ton der Hände. Nur Judas liegt jetzt in größerem Dunkel als zuvor.

Neu und ungeahnt ist auch, was Pellicioli aus der Gestalt des Apostels Philippus – er ist der dritte zur Linken Christi – hervorholte. Gesicht, Hals, Haare waren grob überschmiert, ein einziger Fleck, wohl schon seit dem 17. Jahrhundert. Nun sieht man ihn wieder, wie Leonardo ihn geschaffen hat: ein sanfter Jüngling, der dem heiligen Johannes, zur Rechten des Heilands, verwandt erscheint.

Und dann die Hände Christi, die Speisen, das Brot und der Wein. Leonardo hat den Augenblick festgehalten, da Christus sagte: „Einer von euch wird mich verraten.“ Nach dem Bericht des Lukas-Evangeliums geschah dies, nachdem Er Brot und Wein in Sein Fleisch und Blut gewandelt hatte – das Opfer Seiner selbst, der mystische Tod, noch vor dem Gang nach Golgatha. Und das ist nicht Auslegung, nicht Phantasie. Man kann es genau erkennen: Der Wein, der vor Christus steht, ist lebendiger als der in den anderen Gläsern. Gleich nach dieser Stunde, so weiß man, wird der Meister verraten und erniedrigt werden. Er wird sein menschliches Haupt entblößen, wie ein junger Held, der den Helm zurückschlägt, wenn der Kampf am heißesten ist Und doch hat hier, auf dem Bilde Leonardos, schon die Verklärung begonnen, die Rückkehr zum Vater, zur Dreieinigen Gottheit. Alles Brot auf dem Abendmahltisch strömt aus von den Händer. Christi, bis zu den Plätzen der Apostel an den entferntesten Enden. Wenn auch am Ausgange dieses Saales die Via Dolorosa beginnt – er ist schon gegenwärtig, den die Apostel am Ostermorgen schauen werden. H. P. L.