Bonns Kulturattaché in Washington, der frühere Feuilletonchef der „Neuen Zeitung“ Bruno E. Werner, übernahm sein neues Aufgabengebiet vor fünf Monaten. Er muß nicht nur neu anfangen, sondern, was weit schwieriger ist, wiedergutmachen, was nazistische Propagandisten unter dem Deckmantel von „Kulturbeauftragten“ vor dem Kriege angerichtet hatten. Sie hatten bei ihrer Arbeit Theorien von Colin Ross zugrunde gelegt. Hitlers großer Amerikakenner hatte im Jahre 1937 apodiktisch verkündet: „Im Grunde gibt es den Amerikaner ebensowenig wie es ein Amerika gibt... so bestehen Amerika und die Amerikaner lediglich in der Vorstellung ... Amerika und die Amerikaner wird es vielleicht in ein bis zwei Jahrhunderten geben.“ Und weiter: „Diese volkhafte Neugliederung ist überaus schwierig in einem Lande, in dem es erst Ansätze zur Volkwerdung gibt.“ So gab es also damals für Goebbels’ Adepten und Adoranten zwar keine Amerikaner, wohl aber Deutschamerikaner. Ihnen war die Kulturpropaganda (man scheute sich nicht, die beiden konträren Begriffe in ein Wort zusammenzufassen) aller jener Agenten, die sich in Washington vor dem Kriegsausbruch tummelten, zugedacht. Aber selbst die Deutschamerikaner konnten nur durch einen Appell an ihren Amerikanismus, nicht an ihr Deutschtum gewonnen werden. Und die übrigen Amerikaner, längst zum Volk zusammengewachsen, brachten diesem mißratenen Annäherungsversuch verständlicherweise nur Mißtrauen und Feindseligkeit entgegen.

Die Deutschamerikaner, besonders im Mittelwesten, haben immer noch eine kuriose Vorstellung von ihrem ehemaligen Heimatland, was freilich weder an diesem noch an Colin Ross, sondern an ihrem eigenen Illusionismus liegt. Nichts kennzeichnet diese antiquierte Vorstellung besser als zwei Gegenstände in einem „deutschen Schaufenster“ in Detroit, wo als einzige Symbole der Bundesrepublik ein bayrisches Bierseidel und eine langstielige Tabakspfeife mit handgemaltem Porzellankopf ausliegen.

Man sieht, es bedarf noch mancher Korrektur, um ein lebendigeres, richtigeres Bild von Deutschland in den USA zu schaffen. Bruno E. Werner ist auf dem richtigen Wege. Gegenwärtig stellt er mit Hilfe amerikanischer Berufs- und Kulturverbände eine Gruppe von hundert Amerikanern zusammen, die auf Einladung der Bundesregierung Deutschland einen mehrwöchigen Besuch abstatten werden. Bisher lagen die Austauschprogramme ganz in amerikanischen Händen. Aber letztes Jahr begann die Bundesregierung ihrerseits, solche Programme aufzustellen. „Wir sind gottlob heute in der Lage, nicht mehr mit gezogenem Hut dazustehen und darauf warten zu müssen, bis uns HICOG oder Washington klingende Dollarmünzen hineinwirft. Natürlich sind unsere Mittel begrenzt, aber, ein Anfang ist gemacht. Sehen Sie, der britische Information Service in New York hat 139 Mitarbeiter, und die Franzosen haben 45 Sachbearbeiter in ihrer Kulturabteilung sitzen. Ich muß vorläufig mit einer Sachbearbeiterin und einer einzigen Sekretärin fertig werden. Dabei ist mein Posteingang enorm. Da fragen Schulkinder nach deutschen Gesangbüchern, ein Blumenfreund will wissen, wo es in Deutschland einen tausend Jahre alten Rosenstrauch gibt, Studenten wollen eine Reise durch deutsche Universitätsstädte machen, Musikagenturen fragen, wann Furtwängler kommt. Und alle diese Briefe müssen, wie’s in Amerika üblich ist, beantwortet werden.“ Solange es aber keine deutschen Passagierdampfer oder Fluglinien gibt, fällt die Finanzierung eines Gastspieles eines großen deutschen Orchesters oder eines Theaterensembles freilich sehr schwer. In manchen Fällen können die Reisekosten innerhalb Amerikas, Saalmieten und Reklame aus den Einnahmen gedeckt werden, aber für die transatlantische Passage fehlt es im Moment noch an Dollarbeträgen. Immerhin ist die Nachfrage groß.

Der Beschluß des Bayrischen Landtages, die Gemäldesammlung der Staatsgalerie nicht in Philadelphia zu zeigen, hat in Amerika viel Staub auf-– gewirbelt. Man will den deutschen Einwand, daß die Bilder Ruhe haben müssen, nicht verstehen. Dem bayrischen Argument, durch eine Versendung würden die Bilder Schaden leiden, hält man Gutachten von Kennern und die Meinung der Österreicher entgegen, die hier vor einiger Zeit ihre große Ausstellung der staatlichen Sammlungen gezeigt haben. Da alles bereits für die Ausstellung vorbereitet war, ist der Ärger groß, und so hört man Kommentare, wie: „Da sieht man’s mal wieder. Wir werden als ein kulturloses Volk hingestellt. Bayern will uns seine Kunstschätze vorenthalten.“

„Schade, schade“, meint Bruno E. Werner dazu. „Im Grunde kommt es doch gerade darauf an, mit Ausstellungen und dergleichen Veranstaltungen Deutschlands Kulturleistungen den Amerikanern wieder ins Gedächtnis und Bewußtsein zurückzurufen. Eine Wanderausstellung künstlerischer Bucheinbände aus Deutschland wird im ganzen Land viel besucht.“ Zu künftigen Projekten, die allerdings noch ganz in den Kinderschuhen stecken, gehört eine Ausstellung deutscher Handzeichnungen, ein großer historischer Überblick über deutsches Porzellan und eine Schau moderner Kunst, die den Nachweis führen kann, daß eine der Hauptquellen, aus denen die lebende Kunst schöpft, in Deutschland gesprudelt hat und keineswegs versiegt ist.

Aus allem, was uns Bruno E. Werner erzählt, geht deutlich hervor, daß die amerikanische Aufnahmebereitschaft für deutsche kulturelle Darbietungen größer ist, als man es in der Bundesrepublik ahnt. Nur darf der amerikanische Appetit nicht zu lange auf Nahrung warten. Das hat Bonn freilich längst erkannt. Aber da es ja keinen Kultusminister besitzt, muß es sich ganz auf die freiwillige Zusammenarbeit der Länder verlassen. Und hier hapert’s mitunter. Die Tendenz, lokalen, regionalen und nationalen Belangen den Vorrang vor internationalen Interessen zu geben, ist verständlich, aber gefährlich. Vielleicht wäre es gut, wenn sich die verschiedenen Kultusminister selbst auf einer Amerikareise von dem hier herrschenden Deutschlandinteresse überzeugen könnten. „In Deutschland kann unsere Jugend ein paar Dutzend Amerikahäuser besuchen“, erklärt Dr. Werner. „Wir haben in Amerika nicht eine einzige Räumlichkeit dieser Art. Es wäre an der Zeit, beispielsin ihnen verbirgt, eine keineswegs rein theoretische Problematik. Statt dessen machen sie eher den Eindruck von etwas beinahe allzu Harmlosem. „Arbeit“ – das ist zwar noch der Ernst des Lebens, aber er ist’schon auf dem Weg, in der Freizeit aufgelockert und vergessen zu werden. Und endlich „Muße“ – ja, da sieht man schon den Angler vor sich, der in völliger Selbstzufriedenheit am sommerlichen Seeufer sitzt, viel weniger daran interessiert, etwas zu fangen, als daran, einfach dazusitzen und zu träumen. Wo sollte da etwas Problematisches stecken? Nun, die folgenden Bemerkungen haben die Absicht, diese einigermaßen gängige und auch sicher nicht völlig fernliegende Deutung in ihrer scheinbaren Selbstverständlichkeit ein wenig zu erschüttern.

Das Wort und der Begriff „Arbeit“ sind uns völlig vertraut. Arbeit ist das, was den Werktag des Menschen ausfüllt, es ist die Stillung der Notdurft, die Herbeischaffung des Brotes, die tätige Bemühung um das, was wir zum Leben brauchen. Das ist eine klare Sache.