Ernährungsminister und Landwirte atmen seit einigen Tagen auf. Es scheint, als ob die besonders aus den letzten Jahren bekannte und berüchtigte „Milchschwemme“ in diesem Jahr ohne nennenswerte Krisenerscheinungen überwunden würde. Zwar schlugen die Wogen der Milchfluten noch höher als im vorigen Jahr (in der letzten Maiwoche wurden 2,2 v. H. mehr Milch als entsprechend 1952 angeliefert), doch sanken weder die Werkmilchpreise, noch ging der Notierungspreis des großen Milchventils Butter unter einen jahreszeitlich angemessenen Stand von 5,20 DM. Das mag dem „Butteresser“ als Mißerfolg erscheinen. Er ist es jedoch nicht, da die Grundursache dieser Preisstabilisierung, nämlich die Einlagerung, vermutlich im Winter einen unangemessenen Preisanstieg verhindern wird.

Es mag überspitzt erscheinen, den Verlauf der Milchschwemme nur aus der Buttersituation zu beurteilen. Doch noch immer ist trotz ansteigenden Trinkmilch Verbrauchs, gestiegener Käseproduktion und hochtourig laufender Dauermilchindustrie die Butter der wesentliche Faktor bei der Bewältigung der seit 1948 laufend steigenden Frühsommer-Milchflut. Der Trinkmilchkonsum (oder, wie man genauer sagen müßte: der Verbrauch an Trink- und Kochmilch) bleibt im Jahresverlauf ziemlich gleichmäßig. Käseproduktion und Dauermilcherzeugung lassen sich je nach Preislage und Absatz schnell abschalten. Die fast 6 Millionen Kühe des Bundesgebietes aber können nicht „abgeschaltet“ werden, auch nicht bei schlechter Käse- und Kondensmilch-Konjunktur. Ausweg: das (lagerfähige) „Milchfett“ Butter.

Daß es im Butterabsatz selbst schon wieder rosig aussähe, läßt sich nicht behaupten. Der Mai-Butterverzehr lag mit rund 28 000 t weit unter dem im Mai 1952 mit 31 000 t. Noch sind also längst nicht alle Butterverbraucher zurückgewonnen. Doch darf man von einer gewissen Stabilisierung des Butterpreises (über dessen Niveau allerdings Erzeuger und Verbraucher stets verschiedener Meinung sein werden) eine Besserung erwarten. Die Buttereinlagerung dieses Jahres, die zunächst durch Privatinitiative in Gang gebracht und dann durch rechtzeitige Einschaltung der EVSt fortgeführt wurde, soll möglichst 15 000 t erreichen. Sie könnte die „Preisspitze nach unten“ im milch- und butterreichen Frühsommer abfangen.

Jedenfalls brauchen wir nicht mehr das bedrückende Gefühl zu haben, daß wir zu wenig Milch trinken und unsern Trinkmilchverbrauch etwa verdoppeln müßten, um die steigenden „Milchfluten“ abzuwehren. (Daß sie künftig noch weiter steigen werden, darf man annehmen, da weder der Viehstapel schon das Vorkriegsniveau erreicht hat, noch die Möglichkeiten zur Leistungssteigerung aus Fütterung, Hygiene und Züchtung voll ausgenutzt sind.) Das soll nicht etwa heißen, daß die Milchpropaganda des Guten zu viel täte. Zweifellos könnte ein höherer Trinkmilchkonsum nicht nur (über Vitamine und Kalorien) dem Verbrauchenden, sondern auch dem Landwirt und der Industrie nützen. Denn ein höherer Trinkmilchverzehr würde eine Entlastung der Butterproduktion bedeuten, Butterimporte von größerem Umfang als jetzt (etwa 5 v. H. der Eigenerzeugung) nötig machen und damit nun wieder Industrieexporte in die Butterüberschußländer ermöglichen. Doch sind sich selbst die Milcherzeuger darüber klar geworden, daß diese volkswirtschaftlichen Zusammenhänge wenig Milchtrinker hinter der Ersatzkaffeekanne hervorlocken. Ersatzkaffee ist – noch vor Coca Cola – mit 7 bis 8 Mrd. Liter jährlichen Konsums „Hauptgegner“ der Trinkmilch mit 3,6 Mrd. Jahreskonsum (also auch vor Bier mit 2,6 Mrd. Jahreslitern im Bundesgebiet). Man will nun das Hauptgewicht der Milchpropaganda auf die Annehmlichkeiten des Milchgenusses und auf die relative Billigkeit der Frischmilch verlagern, dazu auch die Qualität steigern, um in dieser Konkurrenz Raum zu gewinnen. St.