Wenn man in einem Buche, das von dem Einsatz der Waffen-SS und ihren Taten erzählt, gerade drei Bilder besonders prächtig herausgebracht findet, die eine Feldmesse bei einer ukrainischen SS-Division, einen Gottesdienst in der überfüllten Kathedrale von Smolensk nach der „Befreiung“ und die mit einem Heiligenkreuz in der hocherhobenen Rechten am Wegrand stehenden russischen Bäuerinnen zeigen, dann wird man doch – gelinde gesagt – ein wenig verwirrt.

Nicht, daß diese schönen Bilder etwa unwahr wären: Alle, die an dem Einmarsch in Rußland teilnahmen, erinnern sich, mit welcher ehrlicher Begeisterung die Deutschen damals begrüßt wurden. Sie werden auch nie vergessen, wie die Bevölkerung in die Kirchen strömte, um Gott zu danken Nur darf man diese Bilder nicht mit der Waffen-SS in Zusammenhang bringen, und schon gar nicht in einem Buche veröffentlichen, das ihre Kriegsgeschichte darstellt. Denn, wo immer wir uns zu einem Feldgottesdienst sammelten, waren wir der Gefahr der Störung durch SS-Angehörige ausgesetzt. Die russischen Bauern und Bäuerinnen vertrieb die SS aus unseren Gottesdiensten. Sollten wir uns während der sechs Jahre des Krieges in Rußland so in der SS getäuscht haben? War sie etwa doch nur ein verkappter Verein christlicher junger Männer?

Auch beim besten Willen zur Verständigung – dieses Buch: Waffen-SS im Einsatz (Plesse-Verlag K. W. Schütz, Göttingen), geschrieben von dem Oberstgruppenführer und Generaloberst der Waffen-SS Paul Hausser, ist eine bedrohliche Frechheit. Hier wird der Versuch gemacht, die Waffen-SS vom Soldatischen her zu legitimieren und sie als einen Teil der Wehrmacht zu legalisieren. Begründet wird dies mit der Tatsache, daß Hitler im März 1935 bei Einführung der Wehrhoheit im Reichstag auch die, Aufstellung einer SS-Division verkündete. Dies aber ist ein untauglicher Versuch am untauglichen Objekt. Denn schon diese Ankündigung war ein Unrecht, weil Hitler selbst der Wehrmacht in Verfolg der Auswirkungen des 30. Juni 1934 (angeblicher Röhm-Putsch) versprochen und dekretiert hatte, daß nur sie allein Waffenträger der Nation sein solle und auch immer bleiben werde.

Daß der „Führer“ bei der Aufstellung einer SS-Division ein schlechtes Gewissen gehabt hat, geht klar aus seinem Erlaß vom 17. August 1938 hervor, in dem festgelegt wurde, daß die SS-Verfügungstruppe (also die direkte Vorgängerin, der Waffen-SS) kein Teil der Wehrmacht sei, sondern eine stehende bewaffnete Truppe zu seiner Verfügung. Unverkennbar war damals und ist heute die Absicht, in dieser Truppe einen Waffenträger zu haben, der bereit war zu jeder Handlung, welcher sich die Wehrmacht aus Anstand versagt haben würde.

Diese versuchte Legitimation aus dem Soldatischen ist aber nicht nur den äußeren Zusammenhängen, sondern auch der inneren Struktur nach falsch. Preußisch-deutsches Soldatentum beruhte seit jeher auf einer echt christlichen Grundlage, zu der sich fast alle großen Führer in der jahrhundertealten Geschichte unseres Heeres bekannt haben. Sichtbar kam diese Einstellung auch dadurch zum Ausdruck, daß auf den Koppelschlössern der alten Armee wie auch der Reichswehr das „Gott mit uns“ stand, während die Waffen-SS sich in dem „Unsere Ehre heißt Treue“ ein neues Leitmotiv geschaffen hatte. Gott, Kirche und Gottesdienst waren bei ihr verpönt. Für die SS gab es, konform mit ihrem Führer, immer nur die Vorsehung. Das Rassenprinzip war der Götze, den sie anbetete. So erfolgte auch die Auswahl ihrer Angehörigen nach ganz anderen Gesichtspunkten als bei der Wehrmacht, Die SS war grundsätzlich etwas anderes, sie hatte auch einen ganz anderen, eigenen Ehrenkodex. Deshalb hat dieses Buch eine völlig falsche Problemstellung: Wir können die Legitimation der SS als Soldaten nicht annehmen, sie geht am Problem vorbei: die SS muß sich mit ihren eigenen Prinzipien legitimieren und sich nicht hinter der Wehrmacht verstecken, von der sie sich einst bewußt und gern immer distanzierte. Eine solche Legitimation aber wird ihr nie gelingen – eben weil ihre Prinzipien höchst anrüchig waren.

Es wäre auch besser gewesen, der Autor hätte verschiedene seiner Kameraden mit Stillschweigen übergangen. Die Untaten, die sie selber begingen und Angehörige ihrer Formationen zu begehen hatten, sollten es ein für allemal verbieten, noch von ihnen zu sprechen. Ein Mann zum Beispiel wie der Obergruppenführer Eicke, der besonders im Bilde gezeigt und als der Held des Kessels vonDemjansk gefeiert wird (worüber im übrigen die Meinungen erheblich auseinandergehen), hat als Führer der Totenkopfverbände eine so üble Rolle in dem Geschehen der Konzentrationslager gespielt, daß man nur mit Abscheu an ihn zurückzudenken vermag.

So also kann dieses Buch nicht gefallen. Es ist gewiß gut gemeint, aber es ist falsch angelegt. Generaloberst Hausser, persönlich ein tapferer Mann und Sproß einer alten Soldatenfamilie (der leider einen falschen Weg ging), schießt, in dem Bestreben, eine Lanze für die Waffen-SS als solche und in toto zu brechen, weit über das Ziel hinaus.

Auch auf den europäischen Gedanken, der in der Waffen-SS angeblich erstmals Verwirklichung und auf. den im Geleitwort Generaloberst a. D. Guderian anspielt, sollte man sich besser nicht berufen. So wie jene sich Europa vorstellten, hat es kaum etwas gemeinsam mit dem, was wir darunter verstehen. Walther F. Kleffel