K. W. Berlin, im Juni

Zum dritten Male haben in Berlin „Internationale Film-Festspiele“ begonnen. Angesichts der ernsten Ereignisse im anderen Teil der Stadt vereinigen sich diesmal die vielen Zugereisten aus Japan und Ägypten, Amerika und Kanada, aus Südamerika und Westeuropa, aus 36 Ländern insgesamt, zu einem Treffen der freien Welt diesseits des Eisernen Vorhangs. Die meisten der an der Berliner Film-Olympiade beteiligten Staaten hatten gemeinsam mit dem deutschen und Berliner Veranstalter die Festfahnen auf halbmast gesetzt, und es erschien gemäß, daß selbst die wenigen festlichen Empfänge und Gesellschaften bis auf die notwendigen Möglichkeiten zum Austausch und Gespräch entfielen ... Wohl hatten die Veranstalter zu überlegen, ob nicht die ganze Schau der 35 Spiel- und der fünfzig Kulturfilme abgesagt werden sollte. Doch die Stars, Produzenten und Regisseure, u. a. Gary Cooper, Jack Trevor und Reinhold Schünzel, waren schon unterwegs und ließen sich durch die Ereignisse in Berlin-Ost nicht zur Absage nötigen.

Die Verleihung des Bundesfilmpreises, nunmehr zum Beginn der Spiele schon Tradition geworden, mochte für die vielen ausländischen Beobachter zum Eröffnungsabend wohl die deutsche Bemühung spiegeln, Tüchtiges und Wertvolles in der mühsam sich regenden deutschen Filmproduktion anspornend auszuzeichnen. Aber das Ergebnis der Auszeichnungen konnte nicht mehr als eine Reihe von ordentlichen, aber eben. nicht bedeutenden Filmen ausbreiten. Der Hans-Albers-Film „Nachts auf den Straßen“ bekam den Preis als bester Spielfilm, und die Jury sprach davon, daß die mancherlei Schwächen dieses Films von der Darstellung überdeckt würden, wobei sie Lucie Mannheim besonders lobend hervorhob. Einen Preis für den „besten Problemfilm“ erhielt der Luise-Ullrich-Film „Vergiß die Liebe nicht“, und den Preis für den Film, der den europäischen Gedanken eindrucksvoll zum Gegenstand hatte, gab man dem Berta-Suttner-Film „Herz der Welt“, da eine bessere Auswahl nicht möglich war. Daß der französisch-italienische Gemeinschaftsfilm „Don Camillo und Peppone“ – hier kann das Kollegium auch außerdeutsche Filme auszeichnen – den Preis als bester Film zur Förderung des demokratischen Gedankens“ bekam, war für die Berliner angesichts der politischen Ereignisse nicht ohne weiteres verständlich. Als avantgardistischen Film bedachte man den Film Rolf Englers „Traum in Tusche“ mit dem Bundespreis, als besten Film zur sozialen Frage den Flüchtlingsprobleme darstellenden Film „Weg in die Freiheit“. Die von der Jury als beste deutsche Nachwuchs-Filmdarsteller erwählte Barbara Rütting (in „Die Spur führt nach Berlin“ und „Postlagernd Turteltaube“) und Claus Biederstedt für seine Rolle in „Die große Versuchung“ erhielten außer ihren Preisen auch noch Geldzuwendungen.

Auf den Festspielen aber wird Deutschland wieder nur sehr mager mit zwei Filmen aufwarten, während die großen Filmländer Amerika, Frankreich, Italien und England sich in Berlin wieder stark repräsentieren. Die Amerikaner gaben den Auftakt mit einem Film, der eigentlich ein Streifen gegen den Film ist. „Die Stadt der Illusionen“ ist nach „Sunset Boulevard eine neue, noch grausamere Desillusionierung der Hollywood weit: Die Geschichte eines skrupellosen, ins Filmische manisch vernarrten Produzenten, der um des großen Erfolges willen nacheinander seinen besten Freund, den Regisseur, verrät, eine Frau, die sein Star ist, kaltblütig persönlich mißbraucht, und die Frau eines Autors einem Freunde und dem Tod ausliefert, um ungestört zu einem guten Drehbuch zu kommen. Diese zynische Selbstkritik des Filmbetriebs war von Kirk Douglas und Lana Turner vorzüglich dargestellt, und die Regie Vinzent Minellis hatte die Zügigkeit der schonungslosen Wirklichkeitsreportage; aber über die Zweckmäßigkeit eines solchen Films zum Auftakt von Filmfestspielen gingen die Meinungen auseinander.

Der zweite amerikanische Film, der in Berlin zu sehen ist, „The member of the wedding“ („Das Mädchen Frankie“, nach dem ausgezeichneten Roman der amerikanischen Schriftstellerin Carsen McCullers), die Story des kleinen, verwilderten, mutterlos aufwachsenden Mädchens Frankie, hat die schönen Qualitäten eines unaufdringlich moralischen Films. Es ist eine Geschichte, die den Lebensmut in guten Dosen darreicht. Dem Regisseur Zinnemann gelingt es, den ganzen eigentlich handlungsarmen Film hindurch in einer beinahe gleichbleibenden und keineswegs üppigen Szenerie ein Kammerspiel aus Licht und Schatten auf die Leinwand zu zwingen.

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Fritz Kortner hat Berlin vor mehr als zwei Jahren verlassen, als seine ungewöhnliche „Don Carlos“-Inszenierung beträchtlichen Widerspruch erregt hatte. Nun bereitete er für die größte Berliner Bühne, das Schiller-Theater, zum Abschluß der Spielzeit die deutsche Erstaufführung von Sean O’Caseys Tragikomödie „Der Preispokal“ vor. Berlin sah der Wiederkehr Kortners mit Sympathie entgegen und erwartete zweifellos eine besonders interessante Leistung. Doch Kortners Inszenierung gedieh zum Skandal.