Wenige von den Zuschauern, die in Hamburg eine Woche lang den Kleist- und Molare-Aufführungen von Jean Vilars Théâtre National Populaire zujubelten, werden bemerkt haben, daß dieses Gastspiel auf einer technisch perfekt ausgerüsteten Bühne vor einem eleganten Publikum ein Paradox war. Hätte Vilar den „Prinzen von Hornburg“ oder den „Avare“ für das Deutsche Schauspielhaus zu inszenieren gehabt, wäre er gewiß nicht mit dem Szenischen so sparsam umgegangen. Die Einfachheit des Dekors entspricht bei ihm nicht einem theaterreformatorischen Stilprinzip, sondern ist Tugend, die aus der Not gemacht ist. Die Tugend ist bewundernswert, aber die Not gibt zu denken, denn sie betrifft das, was wir zumeist für völlig intakt und krisenfest halten: das französische Theater im ganzen. Es ist gewiß lebendig, von höchster Kultur, unerschöpflich an Talenten und unvergleichlich in der künstlerischen Ausstrahlung. Aber seine Eintrittspreise sind so hoch, daß nur die Upper ten im Zuschauerraum sitzen können (und außerdem natürlich die Kritiker und Literaten auf Freikarten). Der kleine Mann in Paris wäre dem Theater schon völlig entfremdet, wenn nicht eben Jean Vilar – im Auftrag und mit Mitteln des Staates – das große Drama in die Vorstädte brächte. Denn eine Konsumentenorganisation wie die deutsche Volksbühne gibt es in dem ganz kommerziell arbeitenden französischen Theaterwesen nicht; es fehlen auch in der Arbeiterbewegung selbst die Voraussetzungen dafür. Allerdings bleibt es dem kleinen Mann in Frankreich auch erspart, als Publikum zweiten Ranges die Häuser zu füllen. Er hat heute eine Truppe, die nur für ihn spielt, sei es in dem unbehilflichen Riesenkasten des Palais Chaillot, sei es in den Tanzsälen von Clichy, Suresnes oder Montrouge: eben die Truppe Jean Vilars. Sie spielt für den kleinen Mann, aber sie spielt nicht etwa Stücke für den kleinen Mann, sondern sie spielt großes Theater in besten Aufführungen, Corneille und Shakespeare, Kleist und Büchner, Molière und nochmals Molière – das will die Publikum sehen. Es ist, als wenn – sagen wir – Gustaf Gründgens mit einem Ensemble von lauter Prominenten nichts anderes täte als Jahr um Jahr im Ruhrgebiet herumzuziehen und in Gelsenkirchen, Wanne-Eickel oder Remscheid Schiller und Hebbel, Goldoni und Shakespeare, Kleist und Nestroy zu spielen. Gewiß, im Ruhrgebiet sind viele Theater, und insofern bedarf es bei uns eines solchen Unternehmens nicht so dringlich. Aber in Frankreich ist die Not größer – und mit ihr, wunderbarerweise, auch die Tugend.

Zu solchen Vergleichen gab der Vortrag Anlaß, mit dem Jean Vilar, viel zu früh, sein Hamburger Gastspiel beschloß. cel.