Industrieansiedlung in Fremdenverkehrsgebieten war bisher meist verpönt, zumindest blieb sie eine recht problematische Angelegenheit. In Bayern ist sie aber heute infolge des starken Zustroms von Heimat vertriebenen, die untergebracht werden mußten, zu einer zwingenden Notwendigkeit geworden. Auf der Suche nach geeigneter „rauchloser Industrie“ ist es dem Landrat von Berchtesgaden gelungen, den Arwa-Strumpffabrikanten Hans Thierfelder, der nach seiner Flucht aus Sachsen in Unterrot bei Backnang (Württemberg) bereits eine führende Produktionsstätte mit 1500 Beschäftigten aufbauen konnte, zur Errichtung einer zweiten Strumpffabrik in seinem Landkreis zu bewegen.

So ist dank der Initiative des Strumpffabrikanten und der aufgeschlossenen Behörden in einer bezaubernden Gebirgslandschaft – unmittelbar benachbart dem bisherigen Vertriebenen-Barackenlager Winkl bei Bischofswiesen an der Straße Bad Reichenhall–Berchtesgaden – diese beispielhafte Fabrikationsstätte aufgebaut und kürzlich in Betrieb genommen worden. Die Fabrik verfügt über eine bemerkenswert glückliche architektonische Anlage und Gestaltung im Äußeren und Innern. Im Rahmen ihrer bisherigen technischen Ausrüstung für die Herstellung von 51,60 und 66 gg Perlon-Damenstrümpfen haben zunächst 200 Menschen eine Dauerarbeitsstätte gefunden; im Zuge des geplanten weiteren Ausbaues soll sich in absehbarer Zeit die Belegschaftszahl auf 500 erhöhen. Der größte Teil der Barackenunterkünfte, in denen jahrelang 1800 Menschen ohne Aussicht auf Arbeit hausten, ist bereits durch eine moderne Wohnsiedlung abgelöst worden, deren weiterer Ausbau im Gange ist. Von einer Hauswand des Werkes aus wird in auffallender Plakatierung und in freundlichen Worten jedermann zum kostenlosen Besuch des Betriebes eingeladen, um den Herstellungsprozeß kennenzulernen. Dazu ist beim Aufbau der Werkanlagen eine„Besichtigungsstraße“ geschaffen worden, die ohne Beeinträchtigung des unter besonderen klimatischen Bedingungen stehenden Arbeitsprozesses einen lehrreichen Rundgang bietet. Da der Landkreis Berchtesgaden jährlich von etwa einer Million Fremden besucht wird, dürfte mit dieser Besuchseinrichtung eine originelle und wirksame Werbung verbunden sein. Vo.