Die Städtebauer haben zu spät bemerkt, daß die moderne Stadt den Menschen aus dem engen Zusammenhang mit der Natur herausgerissen hat. Heute machen sie Anstrengungen, das Grün in die Städte zurückzuholen.

Rapide wie ein Tintenklecks hat sich die Stadt überall auf dem Löschpapier der Landschaft ausgebreitet. Sie läßt sich nicht „ausradieren“. Und selbst, wenn Bomben und Phosphor ihre Häuser zertrümmern und einäschern, die Stadt bleibt, denn sie ist ja mehr als eine Ansammlung von steinernen Gebilden. Sie ist – sit venia verbo – ein „Lebensraum“, und zwar ein Lebensraum, der für einen bestimmten Abschnitt der menschlichen Entwicklung typisch ist. Und wir stehen erst am Anfang der Entwicklung dieses zivilisatorischen Phänomens. Wenn wir, zurückblickend, beobachten, wie schnell diese Entwicklung in den letzten zwei oder drei Generationen vorangetrieben wurde und welche steinernen Monstren bereits jetzt bestehen, dann ist die Vermutung nahe, daß eines fernen Tages alles nur noch Stadt sein wird. Wo es einst nach frischem Gras und Blumen duftete, riecht es jetzt nach Öl, Benzin und Rauch. Die Luft aber, die einst so reine Luft, ist verseucht von industriellen Ausdünstungen. Die Bevölkerung Londons atmet täglich 500 Tonnen Schwefelsäure ein. Man bedenke auch, was in wenigen Jahrzehnten aus der schönen Ruhrlandschaft geworden ist: eine Verfilzung von Städten, eine einzige qualmende Superstadt, so daß man die zahlreichen Namen ruhig durch „Ruhrstadt“ ersetzen könnte. Oder man betrachte sich die Entwicklung Hamburgs. Da waren Wandsbeck, Harburg, Altona und Hamburg – vier selbständige, räumlich getrennte Plätze. All das ist heute die Großstadt Hamburg. Oder London: in Europa das Beispiel für die bedrohliche, landschaftzerstörende Wirkung der modernen städtischen Lebensform – ein Monstrum, das, unwiderstehlich, immer mehr Randgebiete aufsaugt.

Alle Verantwortlichen in Deutschland sind sich darin einig, daß wir, um den Hamburger Bürgermeister Brauer zu zitieren, „ein schmähliches Geschlecht wären, wollten wir die Chance, die uns die Zerstörung unserer Städte bietet, nicht wahrnehmen“. Die Trümmersituation ist positiviert worden zum Bewußtsein, daß wir über die vordringliche Aufgabe der Beseitigung der Kriegsschäden hinaus, die einmalige historische Gelegenheit haben, die bisherige, in mancher Hinsicht verhängnisvolle Entwicklung unserer Städte in eine andere bessere Richtung zu lenken. Wie stark diese Einsicht in die gestalterischen Möglichkeiten ist, die uns die Trümmer bieten, war auch jüngst auf der Arbeitstagung des „Deutschen Verbandes für Wohnungswesen, Städtebau und Raumplanung“ in Hamburg zu spüren: „Der heutige Städtebauer muß sich gegen die Entwicklung, die uns das 19. Jahrhundert gebracht hat, zur Wehr setzen.“ Oder: „Wirtschaftliche Gesichtspunkte dürfen nur im Rahmen einer Synthese zur Auswirkung kommen, die dem Menschen ein würdiges Dasein sichert.“ Und schließlich: „Der gesamte Organismus der Wohnbezirke muß von innen heraus vermenschlicht werden.“ Abkehr von den ineinandergeschachtelten Wohnblocks des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, menschenwürdiges Dasein in den Städten, ja, Vermenschlichung der Stadt – es gibt viele Formulierung für den einen Wunsch: die Städte müssen schöner werden.

Wie aber kann dieses Ziel besser verwirklicht werden, als dadurch, daß man sich bemüht, den verlorengegangenen Zusammenhang zwischen Stadtmensch und Natur, zwischen Wohnung, Gras, Blumen und Bäumen wiederherzustellen? Die Natur, die Zement, Steinen und Asphalt hat weichen müssen, muß wieder – noch viel stärker als es bisher geschehen ist, in das Stadtbild einbezogen werden, Die Stadt als Landschaft gestaltet – das wäre das Maximalziel, der Wunschtraum aller Stadtplaner. Das klingt ebenso schön, wie es schwer zu erreichen ist. Zwar gibt es genügend Freiflächen in unseren Städten, die „begrünt“ werden könnten. Aber es gibt auch genügend Menschen, die menschenwürdig untergebracht werden wollen. Der Raum einer Stadt aber ist eine Größe, die theoretisch zwar zentrifugal unbegrenzt ausgedehnt werden kann, praktisch aber durch eine Reihe von Faktoren, wie zum Beispiel die Forderung nach Arbeitsplatz- und Verkehrsnähe der Wohnungen, begrenzt ist. Auch besteht die Rivalität zwischen Grünflächen- und Wohnungsbaupolitik: jede Grünfläche ist eine Beschneidung künftigen Wohnraums, während umgekehrt jede Bebauung einer leeren Fläche ein Verlust an Grün bedeutet. Eine Harmonie zwischen dem Grün und den Steinen zu finden: vor diesem Problem stehen die Planer. Die Schwierigkeit, wie es ein Stadtbaumeister formulierte, „ist nicht zu bauen, sondern nicht zu bauen“.

Nun gibt es allerdings in jeder Stadt Parks oder Grünanlagen. Jeder Städter hat also praktisch die Möglichkeit, dem „Steinmeer“ zu entfliehen und für kurze Zeit seine vier Wände im Anblick von Rhododendronsträuchern und gepflegten Rasen zu vergessen. Doch nicht jede Stadt ist von Natur aus mit Parks gesegnet wie Hamburg und nicht jede Stadt besitzt den größten Friedhof Europas, der so schön ist, daß er gleichzeitig als Park dienen kann. Parks allein schaffen jedoch noch keine natürliche Stadtlandschaft, in der sich der Städter wohlfühlt. Denn viele Parks – das werden die Städter bestätigen – haben ein Gemeinsames: Sie haben Eingangstore mit uniformierten Wächtern und ambulante Wächter im Park. Die Wege sind sorgfältig abgezirkelt, und das „Betreten“ ist überall verboten. Es gibt kaum andere Großstädte, die es so schön haben wie die Londoner in ihrem Hydepark. Das Betreten ist überall erlaubt, und überall kann man sich zwanglos „gehen lassen“.

Eine Stadtlandschaft entsteht erst dann, wenn die Häusermassen zu abgegrenzten Stadteinheiten aufgelockert sind und diese Einheiten selbst mitten im Grünen liegen, im Grün des eigenen Vor- und Hintergartens, im Grün der Stadt selbst. Eine Verschmelzung von „privatem“ und „sozialem“ Grün also, wie es in der Fachsprache der Grünpolitiker heißt. Dieser Gedanke der Dezentralisierung ist zum Beispiel in Zürich verwirklicht worden: Hohe, „luftige“ und helle Häuser stehen aufgelockert in einer Landschaft aus Rasen, Bäumen und Sträuchern. Nichts erinnert mehr an das „klassische“ Häusermeer Dort fühlt man sich wohl.

Je größer eine Stadt ist, desto schwieriger ist allerdings die Auflockerung und die „Begrünung“, denn zur Auflockerung braucht man viel Raum: eine zentrifugale Ausdehnung der Städte aber auf Kosten wertvollen Ackerlandes ist untragbar. Bleibt also nur der vertikale Ausweg: Statt quadratischer Blocks müssen wir Hochhäuser bauen. Vielleicht müssen wir eines Tages sogar Wolkenkratzer bauen. Hamburg bietet bereits mit seinen Hochhäuservierteln ein anregendes Beispiel für raumsparende Stadtplanung. Die Formel muß lauten: ein Höchstmaß städtischen Raumes zu sparen, damit die Natur wieder zu ihrem Recht kommt.

K. C. Kowalewski