Die Angriffe gegen das Vertriebenenministerium konzentrierten sich in der letzten Zeit weit weniger auf den Minister als auf den Staatssekretär, der geradezu zum Hauptschuldigen für das behauptete Versagen des Ministeriums ernannt wurde. Nun, man sollte auch in Wahl-Zeiten die politische Glaubensfrömmigkeit nicht überfordern. Was wäre das für ein Minister, der vier Jahre lang die Verwirklichung seiner Absichten an der Unfähigkeit seines Staatssekretärs scheitern ließe, ohne einzuschreiten! Lukaschek, fair, wie er ist, hat sich denn auch gegen diese Sündenbock-Theorie gewendet. Sicherlich kann man gegen das Vertriebenenministerium manchen berechtigten Einwand erheben, aber die naive Behauptung, weil es dort keinen Kather gegeben habe, sei alles, was dort geschah, für die Katz’, ist nicht nach jedermanns Geschmack.

Nun ist der Staatssekretär Schreiber gegangen und doch geblieben. Man hat ihm den Rang und formell sogar die Stellung gelassen, aber er erhält eine neue Aufgabe. Er soll die Beratung wichtiger Vertriebenenprobleme auf internationaler Ebene vorbereiten helfen. Seine Erfahrung und Sachkenntnis und nicht zuletzt seine Gelassenheit können ihn zu einem guten Wegbereiter für eine solche Auseinandersetzung machen.

Schreiber hat das Vertriebenenministerium, dessen interne Leitung nun in die Hände des hessischen Ministerialdirektors Nahm gelegt wurde, aufgebaut. Die neuartigen Aufgaben, die dem Hause gestellt waren, verlangten eine Organisationsform, für die die klassischen Ministerien kein einfach nachahmbares Vorbild abgaben. Die Interessen der Vertriebenen müssen zu einem großen Teil auf Sachgebieten vertreten werden, für die das Vertriebenenministerium selbst nicht federführend ist. Neben den Problemen der Eingliederung ist die Aufklärung im Inland wie im Ausland eine der wichtigsten Aufgaben des Ministeriums. Gerade darin war Schreiber umsichtig und mit Erfolg bemüht. Die Erkenntnis, daß das Vertriebenenproblem nicht durch Auswanderung, sondern im deutschen Rahmen, aber mit ausländischer finanzieller Hilfe gelöst werden müsse, ist nicht zuletzt ihm zu danken. Schreiber ist ein Gegner von Auswanderungsspekulationen großen Stils. Das hat ihn schon in manchen schweren Konflikt, auch mit anderen hohen Regierungsstellen gebracht, wo man der Ansicht zu sein scheint, man könne Bauern provisorisch in Kanada ansiedeln und sie jeweils, wenn es nötig wird, wieder zurückholen. Schon im Hinblick auf den ungünstigen Altersaufbau unserer Bevölkerung, meint Schreiber, dürften wir nicht auf die jungen arbeitsfähigen Kräfte verzichten, die in erster Linie für eine Auswanderung in Betracht kämen. Darauf gründet sich wohl die Unterstellung, der ehemalige Staatssekretär hätte die Eingliederung der Vertriebenen nicht in dem erreichbaren Umfange durchzusetzen versucht. Die Fama hatte in diesem Kampf überhaupt ein reiches Feld der Tätigkeit, so blieb ihm denn auch der Vorwurf, er sei ein willfähriger Diener der Freimaurer nicht erspart!

Schreiber war schon in Frankfurt vom Verwaltungsrat der Bizone zum Leiter des Amtes für Fragen der Heimatvertriebenen ernannt worden. Damals war er noch Sprecher der ostpreußischen Landsmannschaft. Im Jahre 1951. legte er dieses Amt nieder, vielleicht hoffte er, daß sich dadurch die Angriffe seiner politischen Gegner verringern würden. In Bonn wurde er dann Staatssekretär und war maßgeblich an den großen Gesetzen zur Regelung der Vertriebenenfragen beteiligt. Da war das Bundesvertriebenengesetz, das einen bundeseinheitlichen Vertriebenenbegriff und damit die Grundlage für die weitere Vertriebenengesetzgebung schafft, der Lastenausgleich, die Arbeitsbeschaffung mit dem Schwerpunkte-Programm, der soziale Wohnungsbau, die ländliche Siedlung und nicht zuletzt die Umsiedlung. Gewiß haben an all diesen Gesetzen viele Faktoren mitgewirkt. Aber man sollte die Arbeit des Vertriebenenministeriums und seines Staatssekretärs nicht absichtlich zu verkleinern suchen. Freilich mußte viel Wasser in den Wein der ersten Pläne gegossen werden. Von den für die Umsiedlung in Aussicht genommenen Vertriebenen konnte bis Ende 1952 nur etwa die Hälfte tatsächlich umgesiedelt werden. Aber daran ist nicht einfach der oder jener, sondern viele und vieles schuld, nicht zuletzt die knappe Geldbörse. Robert Strobel