Am 27. Juni wird das wieder aufgebaute Stahlwerk im Hüttenwerk Salzgitter in Betrieb genommen werden. Die drei Siemens-Martin-Öfen sollen in dieser ersten Ausbaustufe jährlich 250 000 t Rohstahl erzeugen. Das seit kurzem in der Montage befindliche Grobblechwalzwerk wird voraussichtlich in einem Jahre betriebsbereit sein, seine Kapazität dürfte maximal 400 000 t betragen. Die drei in Betrieb befindlichen Hochöfen werden vorerst nur um einen (vermutlich im Laufe dieses Jahres) erweitert werden. Man widmet sich jetzt vor allem der Stahlerzeugung. Es ist auch noch in diesem Jahre zu erwarten, daß das Hüttenwerk ausschließlich Salzgitter-Erze verarbeiten wird, abgesehen von den immer für die Siemens-Martin-Öfen notwendigen Schrottzusätzen. Mit der Angliederung eines Stahl- und Walzwerkes an die vorhandene Hochofenkapazität der Hütte Salzgitter dürften sieht die Selbstkosten, die jetzt noch über denen der Ruhrhütten liegen, verringern. Ebenso erscheint erst dann eine sinnvolle Ausnutzung der großen Erzlagerstätte gegeben, wenn ein Teil dieses Erzes bis zum Walzstahl an Ort und Stelle verarbeitet werden kann.

Vielleicht ist es wirklich so gewesen, wie ein Erzbergbaufachmann aus Salzgitter halb im Scherz sagte, daß die Bergbaubetriebe der „Erzbergbau Salzgitter AG“ deshalb von der Demontage verschont blieben – im Gegensatz zum Hütten- und Walzwerk –, weil die Alliierten die Her vorhandenen 2 Mrd. t Eisenerze „Blumenerde“ nannten. Nun erlebte die Förderung dieser „Blumenerde“ eine ständige Steigerung. Zum erstenmal wurde im abgelaufenen Jahr die Förderspitze des Jahres 1943 (4,6 Mill. t) überschritten und auf den neuen Stand von 5,2 Mill. t gebracht, und, was wohl das Wichtigste ist, auch der Absatz wuchs. Mit fast zwei Dritteln sind die Rhein-Ruhrhütten die Hauptabnehmer der von der „Erzbergbau Salzgitter“ geforderten und aufbereiteten Produkte, und zwar Dauerabnehmer im Rahmen langfristiger Verträge. Nur ein Viertel der Produkte geht in das Hüttenwerk Watenstedt.

Welche Bedeutung die heimische Eisenerzförderung für unsere Rohstahlerzeugung erlangt hat, geht daraus hervor, daß 1951 nur 7,3 Mill. t importiert wurden, 12,9 Mill. t jedoch aus unseren eigenen Erzgruben kamen. Die niedersächsische Roherzförderung, die rund 60 v. H. der Förderung im Bundesgebiet ausmacht, stieg von 7,856 Mill. t 1951 auf 9,365 Mill. t 1952. Der Erzbergbau Salzgitter ist hieran wiederum zu gut 55 v. H. beteiligt.

Der Einwand, dieser Aufschwung in Salzgitter liege nur in einer Konjunktur begründet, ist nicht stichhaltig. Ganz gleich, ob die eisenreicheren Schwedenerze preisgünstig in größeren Mengen – was jedoch nicht in absehbarer Zeit zu erwarten ist – zur Verfügung stehen oder nicht, die Salzgittererze haben sich durch ihre gleichbleibende Qualität einen festen Abnehmerkreis an Rhein und Ruhr geschaffen und werden auf die Dauer eine wertvolle und wirtschaftlich vernünftige Ergänzung zu den immer notwendigen reichen Importerzen sein. Salzgitter will den Schwedenerzen keine Konkurrenz sein; aber als ein Zusatz sind seine Produkte offensichtlich für die deutsche Hüttenindustrie unentbehrlich geworden.

Der Förderrückgang im April – zum erstenmal nach einer jahrelangen Aufwärtsentwicklung – geht auf verminderte Abrufe der Hütten und auf ihre etwas gedrosselten Durchsätze zurück. Die Ursachen dieses allgemeinen Einbruchs sind verschiedenartig; vor allem spielt wohl die abwartende Haltung vieler Käufer eine Rolle, und die Hoffnung, Stahl und Eisen preisgünstiger aus Frankreich beziehen zu können. Es ist sehr wahrscheinlich, daß diese Flaute nur kurzfristig sein wird. Auf jeden Fall betrifft sie nicht nur speziell Salzgitter, sondern auch die Hütten an der Ruhr.

Von großer Bedeutung für die Wirtschaftlichkeit der Salzgittererze ist die Aufbereitung. Der Schwerpunkt liegt bei der naßmechanischen Aufbereitung mit einer Durchsatzkapazität von täglich 16 000 t. Hier wird das Erz gebrochen und in Wasser geläutert und damit sein Fe-Gehalt von etwa 30 auf 40 v. H. erhöht. Etwa 40 v. H. des Naßkonzentrats werden zur Ruhr geschickt und dort auf Anlagen der Empfangswerke gesintert. Der Rest wird – zusammen mit den übrigen Konzentraten – beim Werk agglomeriert und als Sinter mit einem Fe-Gehalt von rund 45 v. H. verkauft. Nur das Peiner Erz, das in seiner Zusammensetzung der französischen Minette ähnelt, wird unaufbereitet abgegeben. Nimmt man eine durchschnittliche Monatsförderung der Gesellschaft von 450 000 t an, so entstehen daraus etwa 145 000 t Sinter, 60 000 t Peiner Erz, 50 000 t Naßkonzentrat und 20 000 t Stückerze.

Die Erzbergbau Salzgitter AG betont, daß sie vom Erlös ihrer Verkaufsprodukte lebe und bisher keinerlei Subventionen in Anspruch genommen habe. Es wurden seit Kriegsende aus verdienten Abschreibungen, ohne Fremdkapital, in den Gruben und Aufbereitungen erhebliche Investierungen vorgenommen. Allgemein ist von Experten, die den Wiederaufbau der Reichswerke verfolgen, zu hören, daß man den Ergebnissen der jetzt angestellten Kostenberechnungen und -vergleiche mit zuversichtlicher Ruhe entgegensehen kann. td