Das Derby in Hamburg-Horn steht wieder vor der Tür: die wichtigste und wertvollste Entscheidung des deutschen Rennsportes. Die Vollblutzucht könnte eine freundliche Förderung von seiten des Bundes und seiner höchsten Organe sehr gut gebrauchen, Noch immer zeigt man allzu geringes Verständnis für ihre Belange und ihren Wert und vergißt ganz, daß die Zucht edelster Pferde ein altes Kulturgut ist, das zu retten sich schon lohnt (wobei wir von ihrer Bedeutung als Blutspender der Pferdezucht ganz allgemein, als Steuerträger des Staates, Devisenbringer der Wirtschaft und Erholungsmittel der Bevölkerung noch nicht einmal sprechen wollen).

Durch großes Mißgeschick nach dem letzten Kriege ist die deutsche Vollblutzucht nur noch klein, doch ihr Gütestand ist dank der alten leistungsfähigen Gestüte noch immer sehr beachtlich und auch besonders im Auslande anerkannt. Auf welcher Höhe sie trotz aller Widerwärtigkeiten erfreulicherweise dennoch steht, wird man beim „Derby“ sehen, in dem sich unsere besten Dreijährigen um das begehrte „Blaue Band“ streiten werden. Wer wird diesmal die Krone erringen? Legt man die Form zugrunde, die die Pferde bis zu der Stunde zeigten, da diese Zeilen in Druck gingen, so dürfte das Rennen wohl zwischen den Hengsten „Allasch“ und „Ahorn“ und den Stuten „Naxos“, „Liebesmahl“, die nach ihrem Siege in der „Union“ am Wettmarkt an erster Stelle rangierte, und „Alma mater“ liegen. Ob es in diesem Jahre wieder einmal zu einem Siege einer Stute kommen wird? In der 84jährigen Geschichte unseres Derbys war es nur neunmal der Fall. „Naxos“, aus dem Stall Erlenhof, hat ihre drei letzten Rennen gegen Pferde bester Klasse gewonnen und ständig ihre Form gesteigert. Bei ihren letzten beiden Siegen war sie bereits vor „Liebesmahl“ und „Alma mater“. Wie sich „Liebesmahl“ in der Form der „Union“ gegen sie gehalten haben würde, kann niemand sagen, aber ohne Zweifel wird sich auch „Naxos“ hoch verbessert haben.

Nun zu den Hengsten: Wurde auch der bisherige Favorit, der Schlenderhaner „Allasch“ in der „Union“ entthront, so muß man in ihm immer noch den aussichtsreichsten Anwärter unter seinen Geschlechtsgenossen erblicken. Gegen ihn spricht nur, daß die Placierten des Henckel-Rennens anscheinend nur zweitklassige Pferde sind, und die Unplacierten, soweit sie überhaupt als ernsthafte Derbykandidaten angesprochen werden können, am Henckel-Tag noch rückständig oder undisponiert waren. Dies besonders in bezug auf „Ahorn“ (Ebberloh), der im Henckel-Rennen zum ersten Male in diesem Jahre herauskam. Ihm kann man aber am ehesten von allen eine Verbesserung bis zum Derby zutrauen, die ausreichen dürfte, in den Endkampf mit einzugreifen. Und wie steht es mit den Röttgener „Levantos“? Nach bisheriger Form ist er ebenfalls in erster Linie ein Steher. In der „Union“ wurde er bereits mit großem Vertrauen gesattelt, so daß man bei einer weiteren Formsteigerung ihm eine Außenseiterchance einräumen muß. Von dem Waldfrieder „Baal“ heißt es, daß er sich seit dem Henckel-Rennen außerordentlich verbessert haben soll. Treffen die Berichte seines Stalles über die Arbeit der letzten Tage und Wochen zu, so hat auch er eine Außenseiterchance.

Alle übrigen Pferde wurden bei ihren diesjährigen Starts von den ebengenannten so einwandfrei geschlagen, daß man ihnen keine Aussichten! zubilligen kann. Nur mit ausgesprochenem Glück könnten sie sich nach vorne schieben, ihre bisherige Form berechtigt zu allzugroßen Hoffnungen nicht. Sehr wahrscheinlich wird die Entscheidung im Derby 1953 zwischen „Naxos“, dem Stall Rösler („Liebesmahl“ und „Alma mater“) und „Allasch“ liegen. Dies wäre unser Tip. Es gibt aber auch andere Möglichkeiten. Vergessen wir nie, daß selbst die gewagteste Voraussage erst dann als unsinnig bezeichnet werden kann, wenn sie nicht eingetroffen ist!