Haben es schon Anthologien älterer, bereits auf die Schubfächer literaturhistorischer Wertung verteilter Dichtung schwer, den Ansprüchen einer kritischen Leserschaft gerecht zu werden, wieviel mehr dann eine Auswahl zeitgenössischer Lyrik eines anderen Volkes, die doch einen repräsentativen Querschnitt bieten soll! Die Möglichkeiten, die einer zweisprachigen Anthologie moderner französischer Lyrik verbleiben, werden zwangsläufig durch die Subjektivität jeder Auswahl, die Fragwürdigkeit der zeitgenössischen, distanzlosen Wertung, sowie durch Anzahl und Gültigkeit der verfügbaren Übertragungen weiter beeinträchtigt; eine ganze Reihe von Schwierigkeiten also, die indessen der Aufgabe einen besonderen, von der Herausgeberin des 11. Bandes einer Anthologie der französischen Dichtung von Nerval bis zur Gegenwart einen besonders hervorgehobenen Reiz verleiht. Ausgewählt und herausgegeben von Flora Klee-Palyi (im Limes-Verlag, Wiesbaden).

Die französische Literatur hat ihren im Lauf der Geschichte immer wieder unter Beweis gestellten europäischen Modellcharakter auch in den letzten fünfzig Jahren nicht verleugnet. Der skandalöse Aufbruch Dadas und des Surrealismus hat sich längst durch die Erkenntnis rechtfertigen können, daß er einer anonymen Mechanik der Bedrohung des Individuums durch Traumschrift, Halluzination und Diktat des Unbewußten und Unlogischen zu begegnen suchte, daß sein Anliegen und seine wesentlichen künstlerischen Äußerungen noch heute alles andere als „überwunden“ sind. Die surrealistisch orientierte Dichtung nimmt daher in Flora Klee-Palyis Anthologie mit Recht einen breiten Raum ein.

Um die 123 Proben von 58 Dichtern haben sich 34 Übersetzer bemüht, – ein Aufgebot, das der Lust zu kritischem Vergleich reiche Gelegenheit bietet. Die Vielzahl der Übersetzer kommt der Qualität der Übertragungen sichtlich zugute. Es seien nur die häufigsten vertretenen, zugleich auch bekanntesten, genannt: Karl Krolow, Rudolf Pannwitz, Fritz Usingen Rudolf Kassner, Friedhelm Kemp, Walter Küchler, Hans-Urs von Balthasar. Daß auch in dieser erlauchten Runde die Problematik der Übertragungskunst zuweilen deutlich sichtbar wird, ist nur natürlich. Wenn etwa die folgenden Verse von O. V. de Lubicz-Milosz:

Et la complainte, pour man secret, dans le flointain,

De la citronelle, et de la nie, et du romarin...

wiedergegeben werden mit:

Und fernher die Klage für mein Geheimnis, [den Sinn