Ansprache zur Eröffnung der Kunstausstellung „Arbeit – Freizeit – Muße“ (Ruhr-Festspiele 1953)

Von Josef Pieper

Man sieht es den drei Worten, aus denen sich der Titel dieser Ausstellung zusammensetzt, „Arbeit – Freizeit – Muße“, auf den ersten Blick nicht an, daß sich eine geradezu explosive Problematik (gerade dann) – man muß sehen, was hier in Wahrheit zur Diskussion steht. Man muß sehen, daß der völlige und endgültige Verfall jenes abendländischen Fundamentalbegriffs „Muße“ eine ganz klare geschichtliche Konsequenz haben wird, und die heißt: totalitärer Arbeitsstaat. Man muß – wenn uns diese Konsequenz mißfällt – sehen, daß als gegen die totale Arbeitswelt einen prinzipiellen Widerstand nicht geben kann, einen Widerstand von den letzten menschlichen Stellungnahmen her, und das heißt, den auf die Dauer allein zulänglichen Widerstand – wenn wir nicht den Sinn des Satzes wiederentdecken und neu vollziehen: „Wir arbeiten, um Muße zu haben.“

Von diesem Satz muß nun gesprochen werden. Das Herausfordernde daran wird jedermann sofort empfinden. Selbst wenn man vielleicht bereit gewesen ist, bei einer unalltäglichen Gelegenheit (etwa bei der Eröffnung einer Ausstellung) Formulierungen anzuhören und hinzunehmen, die um des funkelnden Wortes willen ein bißchen überspitzt sind, Formulierungen, die man, genau genommen, normalerweise nicht einfach würde gelten lassen: dies geht nun doch zu weit, wird man sagen. Eher schon würde man sich bereit finden lassen, das Gegenteil zu akzeptieren: die Muße ist um der Arbeit willen da – das wäre nicht aus der Welt. – Nun aber ist es so, daß der Satz „Wir arbeiten, um Muße zu haben“ keineswegs als eine frappierende Pointe, sondern sehr präzis genommen werden will, als eine nüchterne und sachliche Aussage, die das Gemeinte schlicht und ohne jede Übertreibung ausspricht. Übrigens stammt die Formulierung von dem Realisten Aristoteles, aus seiner Nikomachischen Ethik, also aus einem der sozusagen kanonischen Bücher des abendländischen Geistes.

Was aber ist gemeint? Ein dichtes Gestrüpp von Mißverständlichkeiten muß beiseite geräumt werden, damit der wahre Sinn des Satzes zum Vorschein kommt. Es ist unerläßlich, hier ein wenig zu buchstabieren. Hinderlich ist uns Deutschen vor allem, so scheint es, die fatale Nachbarschaft von „Muße“ und „Müßiggang“, eine bloße Nachbarschaft der Vokabeln; sachlich gesehen ist nämlich Nichtstun gerade das Gegenteil von „Muße-Wirken“ (so sagten die Griechen: Scholen agein). Wir arbeiten, um Muße zu haben: das würde also, in einer ersten Annäherung, besagen: wir arbeiten, um etwas zu tun, um etwas tun zu können, das nicht Arbeit ist. Was für ein Tun ist da gemeint? Erholung, Unterhaltung, Amüsement, Spiel – all dies ist nicht gemeint. Das wäre doch auch unsinnig: zu denken, die Arbeit sei um des Spieles willen da. Gemeint ist ein Tun, das in sich selber sinnvoll ist. Und die Arbeit – ist sie nicht gleichfalls sinnvoll? Sinnvoll – ja! Aber nicht sinnvoll in sich selbst. Gerade dies macht den Begriff Arbeit aus: daß sie zu etwas anderem dienlich ist, daß sie Nutzwerte schafft, daß sie Beitrag ist zum gemeinen Nutzen (und Nutzen heißt immer: gut sein für etwas anderes). Zu etwas anderem zu „dienen“: dies ist der Arbeit wesentlich. Hier hat auch die anstößige Wortprägung „knechtliche Arbeit“ ihren Ort. Sie hat mit irgendwelcher Verächtlichmachung der Arbeit oder gar des arbeitenden Menschen nicht das mindeste zu schaffen. Man kann sagen, das Gegenteil sei wahr. Freilich, es gebe, so haben die Alten es verstanden, auch menschliche Tätigkeiten, die nicht zu etwas anderem gut sind; es gebe auch nicht-knechtliche Tätigkeiten. Und zwar seien das Wirkformen, die jedem Menschen, auch dem arbeitenden Menschen, zustehen, unabdingbar und unverzichtbar sogar (wie auch die knechtliche, die der Notdurft dienende, nützliche Tätigkeit, die Arbeit, durchweg; von jedermann zu leisten sei).

In sich sinnvolles Tun

An diesem Punkt ist ein Wort zu sagen von der alten und zunächst auch sehr altmodisch scheinenden Unterscheidung „knechtliche Künste“ – „freie Künste“, artes serviles – artes liberales. Diese Unterscheidung ist in Wahrheit alles andere als altmodisch; sie besitzt eine geradezu politische Aktualität. In den Jargon der totalen Arbeitswelt übersetzt, besagt sie folgendes: es gibt nicht nur die „Produktion“ und die „Erfüllung des Plan-Solls“, sondern es gibt außerdem und zu Recht Wirkformen des Menschen, die ihrer Natur nach dem Maßstab eines Fünfjahresplanes gar nicht unterstellt, werden können. Es gibt, heißt das, menschliches Tun, das einer Rechtfertigung vor dem Maßstab eines sozialen Nutzungsplanes gar nicht bedarf, prinzipiell nicht. Man braucht nur so zu formulieren, und schon ist klar, welch eine an die Wurzel der totalen Arbeitswelt gehende Ketzerei in dem alten abendländischen Satze steckt: Es gibt freie Künste, es gibt menschliche Tätigkeiten, die sinnvoll sind – obwohl sie weder Arbeit sind noch bloße Erholung (von der Arbeit, für die Arbeit). Und auch dies zeigt sich hoffentlich: eine wie hintergründig gefährliche und folgenreiche Sache es ist, der Arbeit den Charakter des Zu-etwas-anderem-Dienens, den Charakter – ja, der „Knechtlichkeit“ absprechen zu wollen. Durch diese Fiktion, Arbeit als Schaffung von Nutzwerten sei sinnvoll in sich selbst – durch diese Fiktion geschieht genau das Gegenteil dessen, was zu geschehen scheint. Es geschieht genau das Gegenteil einer „Befreiung“, einer „Erhöhung“, einer „Rehabilitierung“ des arbeitenden Menschen. Es geschieht präzis das, was die Unmenschlichkeit der totalen Arbeitswelt tatsächlich ausmacht: es geschieht die endgültige Fesselung des Menschen an den Arbeitsprozeß, es geschieht ausdrücklich die Proletarisierung aller.