K. W. Berlin, Mitte Juni

Am Morgen des 16. Juni lesen die Arbeiter in der kommunistischen FDGB – Tageszeitung „Tribüne“ einen Artikel des Generalsekretärs des FDGB. Darin heißt es: Die Erhöhung der Arbeitsnormen um 10 vom Hundert sei durch den Beschluß der SED-Regierung vom 11. Juni, den „neuen Kurs“ betreffend, nur noch wichtiger geworden. Bis zum 30. Juni soll auf allen Arbeitsstellen die Arbeitsnormerhöhung und gewisse Lohnkürzungen durchgeführt sein. Dazu erklärte der Gewerkschaftssekretär: „Diese Kürzung ist nur gerecht, da die Arbeiter bisher mehr von der Gesellschaft erhalten haben, als ihnen zustand.“

Schon am Tage vorher hatten die Bauarbeiter von Block 40 in der Stalinallee in Ost-Berlin über die größer gewordenen Arbeitsleistungen erregt gesprochen, und Ausdrücke wie „Antreiber und Ausbeuter“ waren gefallen.

Zwei Poliere einer Aktivistenbrigade verfaßten eine Resolution, in der es heißt: „Eine Erhöhung der Arbeitsnorm ist unter gar keinen Umständen mehr möglich, da alle Reserven bei weitem ausgenutzt sind, die Lohnsenkungen aber jetzt sogar zur Einschränkung der ohnedies schweren Lebensbedingungen zwingen ...“ Die Arbeiter verlangen, daß die SED-Funktionäre in der Stalinallee Grotewohl und Ulbricht diese Resolution überbringen. Die Arbeiter hoffen, die Regierung werde in diesem Moment Verständnis für ihre Forderungen haben, da eine Reihe anderer Maßnahmen ja ebenfalls rückgängig gemacht werden sollten. In dieser Meinung werden sie unterstützt von einem SED-Sekretär, der erklärt: „Bei uns tut die Regierung immer nur das, was die Arbeiter auch richtig finden.“

Diesen Sekretär fragen die Arbeiter von Block 40 am anderen Morgen, was aus ihrer Resolution geworden sei. Der Sekretär zeigt achselzuckend auf die „Tribüne“ und die Meldung, daß die Erhöhung doch durchgeführt wird. 80 Mann von Block 40 wollten nun selbst zu Grotewohl und Ulbricht, um die Herabsetzung der Norm zu erbitten. Doch aus den 80 werden bald mehrere hundert. Sie verlassen die Arbeitsstätte offensichtlich nur zu einem raschen Gang, von der Frankfurter Allee hinunter über die Schloßbrücke, Unter den Linden, zur Wilhelmstraße. Die meisten lassen ihre Rucksäcke, Aktentaschen und Jacken zurück.

Auf der Frankfurter Allee liegt Baustelle neben Baustelle. Da sich die Arbeiter dieser Baustellen ihren Kollegen von der Stalinallee anschließen, wächst die Menge rasch an. Gegen Mittag ist es schon ein langer Zug: Menschen in Arbeitskleidern und in Monteuranzügen; einige haben die Schuhe ausgezogen, andere laufen mit bloßem, Oberkörper.

Die ersten Volkspolizisten sind ratlos. Sie haben so viele verordnete Demonstrationen geleitet – von dieser wissen sie nichts. Ein Polizist ruft: „Wohin wollt ihr?“ Da fällt zum ersten Male das Wort: „Wir suchen unsere Freiheit.“ Die Demonstration gegen die Normenerhöhung hat plötzlich ein anderes, größeres Ziel bekommen.