Von unserem Korrespondenten

K. W., Berlin, im Juli

Die beiden führenden Kommunisten in der Sowjetzone sind seit 1945 Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht. Während der über siebzigjährige Pieck die kommunistische Repräsentationsfigur ist, die die rückwärtige Verbindung zum deutschen Frühkommunismus darzustellen hat, gilt der jetzt sechzigjährige Ulbricht als der kommunistische Stratege und der Motor der Bolschewisierung. Sie beide sind die eigentlich Verurteilten des 17. Juni. Wenngleich auch nach außen hin vorerst keine personalpolitischen Konsequenzen gezogen sind, werden ihrer beider Namen nur noch vorsichtig gebraucht. Pieck war am 17. Juni schon mehr als sieben Wochen in Rußland. Es dauerte beinahe zwei weitere Wochen, bis er sich von der Krim her auch nur meldete. Weshalb Pieck so lange Kuren in Rußland braucht, wie lange sie noch dauern werden – das bleibt Geheimnis. Das einzige, was Pieck in diesen zehn Wochen seiner Abwesenheit sichtbar getan hat, ist die Verleihung des Titels „Held der Arbeit“ an Walter Ulbricht. Das geschah am 30. Juni, zum 60. Geburtstag des Generalsekretärs der SED. Gerade weil dies die einzige Dekorierung war, die Ulbricht an diesem Tage zuteil wurde, wirft sie ein Licht auf die Umstände, unter denen nach dem 17. Juni Ulbricht in seinen Funktionen behalten wird. Der 60. Geburtstag Ulbrichts sollte nach allen Vorbereitungen ein pompöses Fest für den „Erbauer des Sozialismus in Deutschland“ werden. Seit Monaten waren die Betriebe genötigt worden, Sonderschichten dafür zu arbeiten. Aber am 17. Juni wurden besonders die Werke, Sportanlagen und Heime demoliert, die Walter Ulbrichts Namen trugen. Die Empörung der Bevölkerung hatte sich vor allem instinktiv gegen den gewandt, der vor einem Jahre auf der SED-Parteikonferenz die neue Phase „Aufbau des Sozialismus“ mit Kolchosen, Enteignung der restlichen Privatwirtschaft, Bolschewik der Schule, Steigerung der Arbeitsnormen und so weiter eingeleitet hatte. Das machte Ulbrichts 60. Geburtstag zu einem der bescheidensten Tage des SED-Parteikalenders. Was drittklassigen Funktionären aus solchem Anlaß geboten würde, das wurde ihm vorenthalten. Der obligate Glückwunsch des Zentralkomitees der SED fiel ungewöhnlich mager aus und wurde im Parteiorgan auf der fünften Innenseite veröffentlicht, ohne daß eine Zeitung der Ostzone auch nur ein eigenes Wort der Würdigung dazu geschrieben hätte. Der allmächtige Generalsekretär der SED und stellvertretende Ministerpräsident Ulbricht zeigte sich nirgendwo in der Öffentlichkeit, und niemand veranstaltete ihm zu Ehren einen Empfang, eine Feier oder gar eine Gratulationscour. Semjonow, der sowjetische Oberkommissar, gratulierte nicht. Nur die sowjetische KPSU hatte ein Geburtstagsschreiben ohne besondere Akzente geschickt. Daß lediglich Pieck von seinem russischen Kurort her dem von ihm gefürchteten Ulbricht den „Helden der Arbeit“ auf die Brust heften ließ – das erschien um so grotesker, als dadurch um so deutlicher diese „Ehrung“ als ein Spuk der am 17. Juni vom Volke Vertriebenen zum Ausdruck kam.

In die politische Öffentlichkeit der Sovjetzone tritt jetzt fast ausschließlich der Sozialdemokrat von vorgestern, Otto Grotewohl. Ihm obliegt die Deutung des „neuen Kurses“ der SED-Politik. Und wenn er auch nicht direkt bei allen solchen Gelegenheiten, wie dem „Tag des Bergmanns“ oder im „Offenen Brief an die Bauern“, sagt, daß alles bisher Böse Walter Ulbricht zu danken sei, so sind indirekt in seinen Reden viele negative Hinweise auf Ulbrichts Tätigkeit enthalten. Natürlich braucht das nicht zu bedeuten, daß die Erz-Kommunisten Pieck und Ulbricht in der Sowjetzone verschwinden sollen – aber es deutet mindestens darauf hin, daß es in der Taktik der Sowjetpolitik liegt, mit der Revision des Schnell-Bolschewismus auch dessen repräsentative Figuren etwas in den Hintergrund zu stellen. Mag sein, daß Semjonow jetzt Ulbricht aus der vordersten Linie herauszieht – daß er ihn zur völligen Entmachtung oder gar Liquidation freigeben sollte, dafür liegt zur Zeit noch kein Anzeichen vor.